« t mmMMmmmsM

r 1 1 M i miß Mjfß ßM Mmmmmm^mmm ^iJii

m mm m m m m MMjßßjk

' ii|^«V|iJijij|_.iLii mmMrM MM mm mm

m m m '

i

m

MMM

iji,aj»«j

mmwKW^im.

A. *'

iji^iy

¥v

^^ir^fe,:

•U -^^ V.:-''' -| ,^

^'-■|^>^'-— *^KI^-

J[^5B|r!^^WP^IIW'.''

l~i'. TM . %- |<i'-. "^^

■ww*

•^

••-«-w-— ^wtr— SfSr

MM

¥*1f

l

-0

251°

\m\v. ov v.*

\0\^OHTOV;:!

TT i?*

UßHKHV ,'.|

i*^

M

; c^.

Zeitschrift

flr

französische Sprache und Litteratur

unter besonderer Mitwirkung ihrer Begrüuder

Dr. G. Koerting und Dr. E. Koschwitz

Professor a. d. Uiiiveisität z. Kiel Professor a. d. Universität z. Marburg. herausgegeben

Dr. D. Behrens,

Professor an der Universität zu ttiessen.

Band XX. Erste Hälfte: Abhandlungen.

Berlin.

Verlag von Wilhelm Gronau, 1898.

1 N HALT.

ABHANDLUNGEN.

Seite

Brugger, E. Über die Bedeutung von Bretagne, Breton in mittel- alterlichen Texten 79

Friesland, C. Ein Gedicht zu Ehren Karls V 272

Kugel, A. Untersuchungen zu Molieres Medecin malgre lui . . . 1 Loioinsky, V. Zum geistlichen Kunstliede in der altprovenzalischen

Litteratur bis zur Gründung des Consistori del Gai saber . 163 Schultz-Gora, 0. Die orfraie und der alcyon in der französischen

Litteratur 280

Wümotte, M. Notes sur la flexion wallonne 72

Untersuchungen zu Moliere's Medecin malgre lui.

A. Einleitendes.

a. Die bisherigen Angaben über die Quellen des Medecin malgre lui.

Auch der Medecin malgre lui trägt die Moliere'sche Signatur: Je prends mon hien oii je le trouve. Das noch heute auf der Bühne wie beim Lesen seines Erfolges sichere Stück, von Laun^) mit Recht die tollste und genialste aller Moliereschen Possen genannt, erweist sich sogar in besonderem Masse als Entlehnung, deren Quelle oder Quellen ausfindig zu machen man sich schon früh bemüht hat. Was nach und nach und an den verschiedensten Orten an Materialien zur Quellenfrage des M. m.. l. beigebracht worden ist, haben zuletzt die Franzosen Despois^) und Moland,^) die Deutschen Laun,^) Wilke^) und Mahrenholtz^) mehr oder weniger ausführlich und vollständig zusammengestellt und zu kritischen Resultaten verwertet. Wie mir scheint, ist aber ein genügend klares Bild der Entstehungsgeschichte des M. m. l. noch nicht erzielt worden.

Zuerst, d. h. um die Wende des 17. und in den beiden ersten Dritteln des 18. Jahrhunderts, wurden Anekdoten, deren Inhalt einen Hörer oder Leser an den M. m. l. erinnerte, schlankweg als die Quelle des Moliere'schen Stückes bezeichnet.'') Nachdem aber durch Barbazan's Fabliazix et Contes 1756 auch das Fableau Du Vilain

') Moliere. mit deutschem Commentar, Einleitungen und Excursen herausgegeben von Dr. Adolf Laun, Bd. IX (Berlin 1876) p. 3.

^) Oeuvres de Moliere p. p. Despois et^Mesnard. Nouvelle Ed. Tome VI. Paris, Hacliette, 1881. (Grands Ecrivuins de la France).

^) Oeuvr. de Moliere p. p. L. Moland. Deuxieme Ed. Tome VIII. Paris, Garnier Freres, 1882. (Chefs-d'oeuvre de la Litt. Frang.)

*) Laun, 1. c. p. 4 s. (Die Einleitung erschien vorher selbst- ständig in Gosches Archiv f. Litt.- Gesch. V, SS 40.)

^) Wilke, Ge que Mol. doit aux anciens poetes frangais. Gymn.- Progr. Lauhan 1880. S. 8—11 und 21.

®) Mahrenboltz, Moliere's Leben und Werke vom Standpunkt der heutigen Forschung. Heiibronn 1881. Grosse Ausgabe: Französische Studien Bd. IL, spec. S. 197/8; .360. Sehr ansprechend würdigt Mahr, auf S. 198 die Bedeutung des M. m. l.

") Z. B. in den Menagiana, und in der Vie de Moliere von 1724. Ztschr. f. frz. Spr. ii. Litt XX>. ' 1

2 August Kugel.

Mire bekannt geworden war, galt direkte Entlehnung des M. m. l. aus dem Vüain Mire, der ältesten damals bekannten, zudem fran- zösischen und poetischen Version eines Stoffes, der ja unzweifelhaft im M. m. l. wiederkehrt, zwar eine Zeitlang bloss als wahrscheinlich, jedoch schon bald als feststehende Thatsache.^) In den meisten Moliereausgaben und in den späteren Sammlungen der Fableaux ist diese Meinung seitdem wieder und wieder ausgesprochen. Erst verhältnismässig spät fand sie Widerspruch und wurde endlich schrittweise dahin modifiziert, dass „der Stoff des Fableaus auf Um- wegen zu Meliere gekommen sei". Von den übrigen Gründen ab- gesehen, veranlasste schon das allmähliche Bekanntwerden einer ganzen Anzahl vormoliere'scher Erzählungen von „Aerzten wider Willen", von denen Moliere mindestens die eine oder andere ebenso gut hätte kennen können wie das Fableau, dazu, die strikte Be- hauptung der Entlehnung aus dem V. M. einzuschränken.^)

Zu den vormoliere'schen „Aerzten wider Willen" hatte Benfey^*^) 1 - 59 eine indische Form gestellt, die 40. Erzählung der Qukasaptati, in welcher er die Mutter aller übrigen Formen, spec. aber des Vilain Mire sah und womit er eine weitere Stütze für die „orien- talistische Theorie" gewonnen zu haben glaubte. Seitdem galt^^) der „Arzt wider Willen" gemeinhin als orientalischer Stoff, die Qiika- saptati als Quelle des Vilain Mire. Gegen diese Annahme wandte

®) 1772 macht Sinn er, Gatalogus Codicum MSS. Bihl. Bernensis, toui. III. p. 375 auf die Stofiverwaudtschaft des V. 31. und des M. m. l. aufmerkbam. M. Brat {Oeuvres de Mol. Paris, par la Compagnie des Libraiies as.socies. Tome IV, 1778, p. 8) spricht nur von der Wahr- scheinlichkeit einer Entlehnung. Positiv behauptet wird Entlelmung des M. m. l. aus dem V. M. 1774 in dem Sammelwerk; Le Voyat/eur Frangois, ou la Connoissance de VAncieti et du Nouveau Monde, viis au jour par M.. l'Abbe Delaporte. Nouv. Ed. Tome VII. Paris, L. Cellot, 1778, (die königl. Approbation datiert erst von 1774), S. 818. Der Vf. rühmt sich , seine Kenntnis des V. M. aus einem MS. geschöpft zu haben : Je me souviens d'avoir lu un manuscrit du treizieme siecle ... Ob Sinner zuerst aui die Aehnlichkeit des M. m. l. und F. M. aufmerksam gemacht hat, konnte ich nicht ermitteln. In die Fableauxsamuilungen ist dieser Nachweis m. W. von Le Grand d'Aussy 1779, und zwar aus Bret's Mol. -Ausgabe, übernommen worden.

®) Am entschiedensten und mit der eingehendsten Begründung geht Wilke, l. c. p. lü, vor. Er giebt die oben angeführte Modifikation, p. 21. Mahrenholtz, Mol. Leb. S. 860, stimmt ihm durchaus zu. Wenn Mahr, hier aber sagt, dass nach Wilke der Vil. Mire 1581 zu Paris erschienen sei, so hat er m. E. eine auf Fauchet's 1581 zu Paris gedruckten Becueil de Vorigine de la langue frangoise zu be- ziehende Angabe Wilkes, 1. c. p. 10, missverstanden.

'") Benfey, Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märehen und Erzählungen. Leipzig, 1859. Bd. I. § 212, p. 514 ff. (Bd. II. p. 551).

") siehe z. B. Moliere p. p. Mol and ' VIII, 6.

Untersuchungen zu Moliere''s Medecin malgre lui. 3

sich 1893 der extreme Angreifer der orientalistischen Theorie, J. Bedier,^^) ohne jedoch für diesen besonderen Fall andere als seine allgemeinen Gründe gegen jene Theorie geltend zu machen.

Weiter hat man teils für das Ganze, teils für Partieen des M. m. l. Abhängigkeit Moliere's von spanischen und italienischen Vorbildern behauptet. Lope's Acero de Madrid^^) und ein bisher unauffindbar gebliebener Medico a palos^^) sind die spanischen Stücke, die den M. m. l. beeinflnsst haben sollen.

Die x4.ngaben über eine italienische Quelle des M. m. l. sind zum Theil recht unklar. Sie zielen schliesslich alle darauf ab, dass ein Arlecchino Medico Volante der Commedia dell' Arte diese Quelle gewesen sei. Wenn dieses Stück aber in einer Weise augeführt wird, die es als eine Dramatisierung des, kurz gesagt, italienischen Vilain Mire: „II Medico Grillo" erscheinen lässt,^^) so ist das ganz unzutreffend, denn sein Inhalt ist ein ganz anderer.

Wohl aber ist richtig, dass der Arl. Med. Vol. so viel Anklänge an den M. m. l. enthält, dass seine Heranziehung durchaus be- gründet ist. Er ist jedoch bisher etwas nebensächlich und vielfach nur in Erläuterungen zu Moliere's Medechi Volant behandelt worden. ^^)

^^) Joseph Bedier, Les Fdbliaux. ^tudes de litt, popul. et dliist litt, du moyen ägp. Ire Ed. Paris 1893, p. 166 u. a. {2»ie Ed. P. 1895). Die p. 4H1 (Mc.) angekündigte Kritik des ganzen Benfey'schen § 212 ist m. W. noch nicht erschienen.

*^) Entlehnung der idea primera behauptet Ochoa, Tesoro del Teafro Espanol. Paris, Baudry, 1838, t II, p. 549: des ganzen Planes Graf Schack, Gesch. d. dram. Litt. u. Kunst in Spanien. Berlin 1845. II, 685; einiger Bestandteile Ticknor, Gesch. der schönen Litt, in Spanien, dtsch. v. Julius Bd. I (Leipzig 1852), p. 579, doch spricht die Anm. ö von „weidlicher Plünderung" ; Benutzung des Schlusses nimmt Mahrenholtz an. 1. c. p. 198. Robert Peters, der seiner Unters, über Paul Scarron's Jodelet Duelliste und seine span. Quellen (Münch. Beitr. zur Born, und Engl. Phil. Heft VI. 1893) eine Einleitung: ..Die Ee- sultate der bisherigen Forschung über den spanischen Einfluss auf das französische Drama des XVII. Jahrhunderts", vorausgehen lässt, fülirt darin in Bezug auf spanischen Einfluss auf den Med. m. lui nur die letzt- erwähnte Stelle von Mahrenholtz an. Gegen die Annahme von Entlehnung aus dem Acero de M. liat sich schon 1843 Puihusque, Hist. comparee des litt, esp. et fr., tom. II, p. 224. 226/7 ausgesprochen. Le Clerc. Hist. litt. XXill, 197 Scheint den A. de M. für einen dramatisierten Vilain Mire zu halten, kannte also seinen Inhalt nicht.

'*) s. unten Gruppe ,,Arzt aus Zwang".

'») Das thun Le Clerc {Eist. litt. ZXIII, 197 j und, wohl ihm folgend, Montaiglon et Raynaud, Becueil general et complet des fa- bliaux. tome 111 (1878;, p. 379. Le Clerc kannte anscheinend auch weder den Medico Grillo noch den Arl. med. vol. anders als aus Citaten und vermengte sie deshalb, wie er ebendort dem Acero de Madrid un- wissentlich Unrecht that.

^*j Möllere p. p. Despois et Mesnard, N. E., I (Paris 1873), p. 12. 47 50. VI, 17. Laun, l. c. p. 5, 6. Wilke. l. e. p. 11. Mahrenholtz l. c. p. 46.

^ 1*

4 August Kugel.

Mehr Gerechtig-keit ist ihm nur vereinzelt, z. B. von Mahrenholtz 1. c. 97, widerfahren. Es beruhte dies vi^ohl darauf, dass man für seinen Inhalt bis vor Kurzem nur auf dem fragmentarischen Canevas des Dominique (Domenico Biancolelli senior) fussen konnte. Inzwischen sind andere Versionen des Medico Volante gefunden worden, mit deren Hilfe gerade es möglich sein wird, die Entstehungsgeschichte des M. m. l. aufzuklären. Meines Wissens werden diese Versionen im Folgenden zum ersten Male eingehend im Hinblick auf den Medecin malgre lui besprochen.

b. Kritik der früheren und Plan der vorliegenden Untersuchungen. Das Resultat der früheren zusammenfassenden Untersuchungen ist die Erkenntnis gewesen, dass Moliere nicht eine, sondern mehrere Quellen für den M. m. l. benutzt hat. „Es sind Eeminiscenzen ver- schiedenster Art", sagt Mahrenholtz, der 1. c. p. 197 die beste Zusammenfassung giebt, „die Mol. hier mit grossem Geschick zu- sammenfügte." Zwei Quellen sind im beträchtlichsten Masse am M. m. l. beteiligt; der einen ist die Rache der Martine und das unfreiwillige Heilkünstlertum Sganarelle's, der anderen, wie Mahr. sagt,^'') „die List der Tochter des Geronte" entlehnt. Auf sie, die „Hauptqu eilen", bezieht sich meine Untersuchung in erster Linie. Daneben bleiben im M. m. l. einige Züge übrig, die in keiner der Hauptquellen erscheinen. Ihre Quellen, die um so mehr als Neben- quellen bezeichnet werden können, als jene Züge für das Ganze des M. m. l. von untergeordneter Bedeutung sind, werden nur kurz behandelt werden.

Das eben wiedergegebene Resultat der früheren Untersuchungen lässt aber immer noch die wichtigen Fragen offen:

1) Welches sind Moliere's direkte Quellen gewesen und was boten ihm diese?

2) Was benutzte er davon und wie benutzte er es? Mit anderen Worten: Welches ist der Anteil der einzelnen

Hauptquellen am Medecin malgre lui, und in welchem Verhältnis stehen diese Anteile zu einander und zum Ganzen?

Auch über die Geschichte (Ursprung, Entwickelung und Fortpflanzung) des Stoffes, bezw. der Stoffe der Hauptquellen verbreiten die früheren Untersuchungen noch wenig Licht.

Deshalb erscheint eine Wiederaufnahme und Fortführung jener Untersuchungen in doppelter Hinsicht begründet und für die Moliere- forschung wie die vergleichende Litteraturgeschichte von Interesse.

Im Folgenden soll nun der Versuch gemacht werden, auf

") vgl, Anm. 53.

Untersuchungen zu Möliere's Medecin malgre lui. 5

Grund sorgfältiger Revision und Ergänzung des bisher zum M. ni. l. beigebrachten Materials, zweitens mit besonderer Berücksichtigung der Moliereschen Stücke, in denen Aerzte auftreten, und drittens durch die Wahl anderer als der bislang üblichen Gesichtspunkte in erster Linie jene noch offenstehenden Fragen in Bezug auf den M. m. l. zu beantworten, in zweiter Linie auch die Geschichte der Hauptquellen des M. m. l. zu geben.

B. Der Medecin malgre lui und seine Quellen.

Die angegebenen Quellen und das Ganze des Med. m. lui. Der Inhalt des M. m. l. darf als bekannt vorausgesetzt werden. ^^) Ganz kurz gefasst ist er etwa folgender: Lucinde stellt sich stumm, um die von ihrem Vater Gorgibus gewünschte Heirat mit dem alten Villebrequin zu hintertreiben. Als Arzt wird ihr der Holzhauer Sganarelle mit Gewalt zugeführt, den seine Frau Martine fälschlich als Arzt ausgegeben hat, um sich an ihm für erhaltene Prügel zu rächen. Es gelingt aber Lucinde's Liebhaber Leaudre, der weiss, dass Luc. 's Krankheit simuliert ist, sich mit dem angeblichen Arzt ins Einvernehmen zu setzen, Gorgibus zu über- listen und die „geheilte" Lucinde zu gewinnen. Zum guten Ende versöhnen sich die Liebenden mit Gorgibus, Sganarelle mit Martine. Haben nun auch schon die früheren Untersuchungen über den M. m. l. zu dem Ergebnis geführt, dass er eine Mischung von Reminiscenzen sei, so könnte man doch der einheitlichen Gestalt Sgauarelle's gegenüber noch einmal versucht sein zu fragen: Hat Moliere nicht vielleicht doch ein Vorbild für das Ganze gehabt und benutzt? Bis jetzt hat sich weder in der vormoliereschen Litteratur Frankreichs, noch in der Italiens oder Spaniens, wo man es dann zunächst vermuten würde, noch sonstwo ein Werk nach- weisen lassen, das sich in seinem Ganzen mit dem M. m. l. deckte. Systematische Durchsicht der Hilfsmittel lieferte auch mir wieder ein negatives Resultat. Deshalb könnte ein solches Werk aber doch existieren und eines Tages gefunden werden. Nur wird sich fragen, ob seine Existenz nach dem, was sich für die innere Kom- position des M. m. l. ergeben wird, an und für sich Wahr- scheinlichkeit hat.^^)

I. Die Hauptquellen des M. m. l.

Aus den verschiedenen Quellen des M. m. l. Hessen sich auf

Grund der früheren Forschungen zwei Hauptquellen ausscheiden.

Sie sind inhaltlich von einander verschieden. Keine von ihnen

deckt sich mit dem Ganzen des M. m. l. Jede von beiden kommt

*) Die Personeu s. Anhang III.

*) vgl. am Schluss: „Was hat Moliere seinen Quellen entnommen?"

6 August Kugel.

in einer Reihe von Erzählungen oder anderen litter. Formen vor. Wenn man trotz der Zahl der beigebrachten Versionen noch keine rechten Resultate erzielt hat, so mag das daran liegen, dass man bisher immer und immer wieder die Formen, in denen ein „Arzt infolge von Prügeln'' auftritt, in den Vordergrund gestellt hat, während es richtig gewesen wäre, die Erzählungen etc. zunächst gleichberechtigt neben einander zu stellen.

Wie nun eine Musterung dieser sämmtlicheu dem M. m. l. stoffverwandten Erzählungen etc. sofort ergiebt, zerfallen sie, in bester Uebereinstimmung mit der Zweizahl der „Hanptquellen" , in zwei Klassen.

Die eine Klasse bilden diejenigen, teils prosaischen, teils poetischen Erzählungen, in welchen eine wirkliche Krankheit von einer Person, die nicht von Beruf Arzt ist, trotzdem wirklich geheilt wird.

Die andere Klasse bilden mehrere dramatische Werke, in welchen zu bestimmtem Zwecke Krankheit simuliert und dieser Zweck dann mit Hilfe eines Arztes, der ebenfalls kein wirklicher, sondern ein improvisierter ist, erreicht wird. Natürlich ist dabei von keiner, oder höchstens von simulierter Heilung die Rede.

Gemeinsam haben die beiden Klassen nur den Zug, dass der Arzt kein wirklicher Arzt ist.

Es sei gestattet, die zwei Klassen der Kürze halber mit Namen zu bezeichnen. Ich nenne die erste: „Arzt aus Zwang", die zweite: „Diener als Arzt". Man wird diese Bezeichnungen später begründet finden.

Auf diese beiden Grundformen lassen sich alle zum M. m. l. angezogenen Versionen sofort verteilen. (Auch der Acero de Madrid fügt sich leicht ein). Entweder reihen sie sich in die eine oder in die andere Klasse ein. Ein Schwanken, wie es etwa Mischung von Zügen aus beiden Klassen zu einer Form veranlassen könnte, findet nirgends statt, weil eben solche Mischungen fehlen.

Ich lege diese Scheidung meiner Untersuchung zu Grunde, beginne jedoch nicht mit der erstgenannten Gruppe, die in der ab- strahierten Grundform nur in entfernter Beziehung zum M. m. l. zu sein scheint, sondern mit der zweitgenannten, deren Grundform sogleich die lebhafteste Erinnerung an den M. m. l. weckt. Wird doch in ihm, das fällt sofort auf, zu bestimmtem Zwecke (Vereinigung zweier Liebenden) Krankheit simuliert und ein Arzt, der kein Arzt ist, hilft das Ziel eiTeichen.

a. Die Gruppe: Diener als Arzt. Von Formen dieser Klasse sind mir die folgenden bekannt geworden :

Untersuchungen zu Möllere's Medecin malgre lui. 7

1. El Äcero de Madrid des Lope de Veg-a.

2. 11 Medico Volante. Scenario bei Bartoli, Scenari inediti della Commedia delV Arte, Firenze 1880, p. 105—115.

3. Tnifald'mo Medico Volante, comedia nova e ridicola. Milano, Glos. Morelli, 1B73.20)

4. Arlecchino Medico Volante, das Scenario des Dominique (Domenico Biancolelli's des Aelteren.)

5. Akt III der Stegreifkomödie La Zerla, ebenfalls Scenario des Dominique.

6. Le Medecin Volant von Moliere.

7. Le Medecin Volant von Boursault.

Ihnen anzuschliessen sind, als wenigstens zum Teil unter die Grundform fallend, Moliere's L^Amour Medecin und Le Malade Imaginaire.^^)

1 7 haben die Grundform sämtlich zu folgender „Liebes- intrigue" ausgestaltet: Trennung zweier Liebenden durch hiudernde Umstände; Simulierung von Krankheit seitens des Mädchens und Verständigung mit dem Geliebten durch seinen als Arzt auftretenden Diener; gemeinsame Flucht aus dem Vaterhause; Entlarvung des „Arztes" ; Zusammentreffen des Paares mit dem Vater und Ver- söhnung. — Aber dies Gerippe findet sich reich umkleidet.

Es fragt sich nun einerseits: „Welches sind die Beziehungen dieser Versionen zu einander, ist eine von ihnen die Quelle der übrigen und vielleicht auch die Ursprungsform des Sujets überhaupt?", andererseits: „Welches sind ihre Beziehungen zum Medecin malgre lui"' ?

Die 3 ersten Versionen, sämtlich Dreiakter, lassen sich daraufiiin, dass sie eine sehr komplicierte Handlung (Mehrzahl von Liebespaaren etc.) und Hinderung des Hauptpaaros durch eine Ver- wandte der Heldin gemeinsam haben, zu einer Untergruppe zu- sammenfassen, in der wieder zwei Stufen zu scheiden sind. Wie schon die eben gemachten Angaben über ihren Inhalt zeigen, sind sie weit vom M. m. l. entfernt. Am weitesten ist es zeitlich und inhaltlich der 1603 verfasste Acero de Madrid des Lope de Vega.

1. El Acero de Madrid.

Mag der A. de M. in Moliere's Bibliothek gewesen und sonst

von ihm benutzt worden sein,^^) als der Dichter den M. m. l. schx'ieb,

hat er keine oder doch nur eine vage Erinnerung an den

A. de M. gehabt. Dies Urtheil, in dem ich mich mit Puibusque

«>) Zu 2 u. 3 vgl. das oben S. 6 zum Med. Vol. Gesagte. **) Die Personenverzeichnisse zu den Komödien dieser Gruppe findet man in der Anlage III, wo sie vergleichend zusammengestellt sind. *^) vgl. Mol and, Mol. et la comedie italienne ^ p. II.

8 August Kugel.

gegen Ochoa, Schack, Ticknor treffe, möge eine Analyse des A. de M. bestätigen.23^ jc^i halte dieselbe mit Absicht ausführlich, einmal um die irrige Meiuung Ochoa's etc. möglichst endailtig zu beseitigen, sodann wegen der Wichtigkeit des A. de M. für die Geschichte der ihm zu Grunde liegenden Liebesintrigue überhaupt und für die Ausgestaltung in den drei ersten Formen im Besonderen.

Der A. de M. ist ein Dreiakter mit häutigem Scenenwechsel. Gerade auf diesen Umstand stützt Ochoa seine Annahme, dass der M. m. l., der gegen Moliere's Gewohnheit die Einheit des Ortes nicht wahrt, vom A. de M. beeinflusst sei. Ich schalte darum die Ortsangaben Lopes durchweg in die Analyse ein; es wird dann ohne weiteres klar, dass Ochoa's Grund unhaltbar ist. 2*) Die Personen des A. de M. findet man in Anl. III, dem „vergleichenden Personen Verzeichnis" zur Gruppe „Diener als Arzt".

Akt I. (Vor der Kirche). Die Freunde Lisardo und Eiselo warten vor der Kirche auf das Herauskommen Belisa's, der Tochter des alten, über seine Hausehre eifersüchtig wachenden Prudencio, die Lis. liebt, aber nur hier sehen kann, da eine Tante, Teodora, eine heuchlerische Betschwester, jeder Annäherung an ßelisa hindernd in den Weg tritt (Sc. 1). Bei. kommt bald in Begleitung dieser Tante heraus, die die jungen Männer mit grossem Aerger erblickt und sofort einen neuen, von Bei. geschickt ermöglichten Annäherungs- versuch Lis.'s zu vereiteln weiss, als kaum ein paar Worte gewechselt sind. Bei. fügt sich ihr nach einigem Widerspruch, weil ihr in der Kirche eine andere List gelungen ist (Sc. 2). Dort hat sie nämlich dem Diener Lis.'s, namens Beitran, in einem Handschuh, den sie absichtlich verlor, ein Briefchen an seinen von ihr wieder- geliebten Herrn zuzuschmuggeln verstanden. Beltr. liefert den Brief auch richtig ab, freilich nicht ohne eine besondere Vergütung bei seinem Herrn herauszuschlagen. In dem Brief teilt nun Bei. ihrem Verehrer einen Plan mit, den sie ausgedacht hat, um sich mit ihm treffen zu können Sie will sich krank stellen, und zwar opilada. Lis. seinerseits soll ihr einen ihm befreundeten Arzt (un medico amigo) schicken, mit dem er sich verständigt hat und der ihr den Gebrauch der Madr. Stahlquellen verordnet. Dahin will Bei. dann jeden Morgen mit Teod. gehen; Gleiches sollen Lis. und Eis.

2*) Ich benutzte den Druck bei Ochoa, Tesoro del Teatro Espanol , Paris, Baudry, 1838. Tora. 11, p. 549—583. (Auch separat als; Teatro escogido de Lope de Vega). Eine französische Ueber.setzung des A. de M. findet sich in den Oeuvr. dramat. de L. d. V. trad. par Baret. Paris, Didier, 1874. Tome II.

2*) Ochoa, 1. c. p. 549: Moliere en el M. m. l se resolviö

d la enorme temeridad de mudar el lugar de Ja escena por no desaprove- char los preciosos datos que le ofrecia para hacer una comedia muy inter- esante el genio de nueslro inmorlal Lope de Vega, en el Acero de Madrid.

Untersuchungen zu Moliere^s Medecin malgre lui. 9

thun. Letzterer aber soll Teod., deren Scheinheiligkeit Bei. durch- schaut hat, Liebe heucheln und sie derart beschäftigen, dass sich die Liebenden un2:estört sprechen können. Aber Lis. sowohl wie sein Pylades Ris. sind in Verlegenheit, als sie den Brief gelesen haben. Sie wissen keinen Arzt, der ihnen helfen würde. Da erbietet sich keck Beitran, 2^) den Doktor zu spielen:

Ponedme ä mi si quer eis ün häbito doctoral, Que yo &e que no hare mal Lo que los dos pretendeis: ün poco se de latin De los recipes, y hare Con esfo poco que se Que tenga salud.

Natürlicb rechnet er auf reiche Belohnung. Lis. zögert, nimmt aber zuletzt auf Ris.'s Drängen hin Beltran's Vorschlag an (Sc. 3).

{In Prudencio's Haus.) Inzwischen ist bei Prudencio ein Nefle, üctavio, mit seinem Diener Salucio zu Besuch eingetroöen (4. 5). Ebenda erscheint kurz darauf Bei trän, im Kostüm eines Arztes und von Lis. als seinem Schüler begleitet. Er giebt an, ihn schicke eine Freundin Belisa's, der letztere in der Kirche von ihrer Krankheit gesagt habe. Nach einer für die Eingeweihten recht deutlichen, auch mit Latein gewürzten Konsultation verordnet der Arzt der Kranken (gegen ihre opüaclon) den Gebrauch der Stahl- quelle im Prado. Dann empflehlt er sich, steckt aber zu Lis.'s Aerger vorher noch nach kurzer, scheinbarer V^eigerung ein ihm von Prud. gebotenes Honorar ein (6. 7). Soweit scheint sich alles für die Liebenden aufs beste anzulassen ; in Wirklichkeit droht ihnen Gefahr.

(Im Haus Marcela's). Ein Nebenbuhler Riselo's bei dessen Braut Marcela, namens Florencio, hat sowohl die Briefscene in der Kirche als die An'iäherung der beiden Freunde an Bei. und Teod. vor der Kirche bemerkt. Er erzählt Marc, davon und macht sie glauben, sie sei von Ris. um Teod. 's Willen verlassen. Als echte Spanierin schwört Marc, dem Verräter Rache; mit der Ausführung ihres Racheplans soll sie bald verhängnisvoll in das Geschick Bei. 's und Lis.'s eingreifen (8). Hiervon nichts ahnend, treffen sich inzwischen die Liebenden im Prado. Ihre Zusammenkunft verläuft nach Wunsch. Lis. und Bei. bleiben ungestört. Teod. lässt sich von Ris. bethören. Und auch Beitran geht nicht leer aus, sondern hofiert Bei. 's Dienerin Leonora mit bestem Erfolg (9. 10. 11).

^^J Es spielt also im A. de M. der Diener des Liebenden den Arzt, und nicht ein Freund, wie Ticknor (übs. v. Julius) 11,379 angiebt.

10 August Kugel.

Akt II. (Im Hause Prudencio^s). Noch von anderer Seite ist das Glück der Liebenden gefährdet. Octavio hat sich in Beiisa verliebt und trägt sich mit dem Gedanken, um sie zu freien, obwohl sie ihn mit solcher Kälte behandelt, dass sein vertrauter Diener Salucio ganz empört darüber ist (Sc. 1). Vor Verliebtheit förmlich krank, klagt Oct. dem als Arzt zurückkommenden Beitran seine Schmerzen und ist geradezu beglückt, als dieser ihm den wahren Grund derselben sofort angeben kann. Salucio hingegen betrachtet den Arzt mit Misstrauen (2). In der sich hieran anschliessenden zweiten Konsultation schildert Beiisa dem Arzt ihr Leid und ihr Hoffen in einem Traum, den sie gehabt haben will. Ihr Befinden habe sich gebessert, sagt sie, um nicht Verdacht zu erwecken (3). Dafür erklärt jetzt Teodora krank zu sein und der Kur zu bedürfen, denn sie ist, weil sie bei Riselo ernste Absichten annimmt, für FortsetzUKg der schon Monate lang dauernden Morgenspazier- gänge. Der x\rzt stimmt ihr bei (4). Als aufmerksamer, auf die seelischen Zustände seiner Patienten gern aufheiternd wirkender Arzt sendet er von der Strasse aus einen Trupp Musikanten, die Bei. und Teod. vorspielen und vorsingen sollen. Das Liebeslied, das sie singen, erweckt jedoch nur im alten Prudencio den Gedanken, es sei an der Zeit, Bei. zu verheiraten. Er äussert seinen Gedanken zu Oct. Dieser wirbt sofort um seine Cousine, und die beiden Männer werden dahin einig, gleich um den nötigen päpstlichen Dispens nachzusuchen. Teod. soll Bei. auf ihre Verlobung mit Oct. vorbereiten. Natürlich arbeitet sie aber im Einverständnis mit Bei. dem Plane Prud.'s sofort entgegen, indem sie Riselo durch einen Brief, den Leonora an Bei trän befördeim muss, benachrichtigt (5). {Bei Marcela's Haus.) Den Brief erhält ßis. gerade, als er sich zusammen mit Lis. vergeblich bemüht, die ihm zürnende Marc, zu versöhnen. Schon durch die Unerbittlichkeit Marc. 's zur Verzweiflung gebracht, gerät Ris. jetzt durch die Not seines Freundes und dadurch, dass Teod. zugleich von ihren Heiratsge- danken schreibt, in vollste Ratlosigkeit. Da aber Marc, allen seinen erneuten Beteuerungen ebensowenig Glauben schenkt und bei ihren Racheplänen bleibt, lässt sich Ris. von Lis. bewegen, diesen wieder in den Prado zu begleiten und das Spiel mit Teod. fortzusetzen (6 10). Marc, jedoch macht nun ihre Drohungen wahr. Sie überrascht die beiden Paare [im Prado) und klärt Teod. über Ris. 's Betrug auf Zum Unglück ist auch Octavio, den Salucio misstrauisch gemacht hat, Beiisa zum Prado gefolgt und hat sie belauscht. Alles eilt verstört auseinander, und die Sache der Liebenden scheint verloren (11 15).

Akt III. {Im Hause Prudencio'' s.) Doch geben sie den Mut nicht auf, vor allem Beiisa nicht. Teils durch Bitten, teils

Untersuchungen zu MoUere's Mededn malgre lui. 11

durch die Drohung, Teodora bei Prud. als Kupplerin hinzustellen (und das würde dieser das Kloster eintragen!), weiss sie Teod. zur ferneren Unterstützung- ihrer Sache zu veranlassen. Die Bundes- genossin hat sie um so nötiger, als inzwischen der päpstliche Dispens angelangt ist und als Prud. Verdacht gegen den Arzt gefasst hat, der, während man weder in der Stadt noch am Hofe von einem Doctor Beitran etwas weiss, so lange schon sein Haus besucht und dabei doch mit seiner Kur so wenig Erfolg hat. Teod. bringt es aber fertig, Prud. zu beruliigen. Sie sei auf ihren Spaziergängen stets wachsam gewesen, dass nichts die Ehre seines Hauses verletze (1. 2.). (Beim Hause Mar Celans.) Inzwischen ist es auch Lis. gelungen, Marc, mit Eis. auszusöhnen. Doch hat unglücklicher- weise Florencio die Versöhnung belauscht und beschlossen, sich an Lis. durch Werbung um Beiisa zu rächen, während sein Freund Gerardo um Teodora werben soll (3 5). Ehe es noch hierzu kommt, hat die Sache der Liebenden bereits die schlimmste Wendung ge- nommen. Beitran, der in Prud.^s Haus gegangen war, um im Interesse seines Herrn sein Verhältnis zu Leonora wieder anzuknüpfen, ist dabei in seiner Dienertracht von Prud. und Oct. angetroffen worden (6). Er hat sich vergeblich zu verstecken gesucht. Sein Märchen von dem ihm aufs Haar gleichenden Bruder, welcher der Arzt Beitran sei, findet keinen Glauben. Salucio, der hämische Geselle, bindet ihn und schliesst ihn in sein Zimmer ein (7). Es gelingt jedoch Beitrau, sich vom Fenster aus Bei. und Teod. bemerklich zu machen. Sie helfen ihm zur Flucht in Frauenkleidern, und mit ihm flieht Beiisa, die keinen andern Weg mehr weiss, der sie mit Lis. vereinen würde (8. 9). Inzwischen hat Oct., der natürlich Beitran gut verwahrt glaubt, den Prud. von jenem Vorfall im Prado in Kenntnis gesetzt, und dessen Zorn ergiesst sich gerade über Teodora, als sich zwei Edelleute melden lassen (10). Es sind Florencio und Gerardo, die um Beiisa und Teodora werben wollen. Aber Prud. hält sie für die Edelleute aus dem Prado (also Flor, für Beitrans Herrn) und erwidert ihre Werbung mit einem heftigen Zornesausbruch. Als sie leugnen, die Beschuldigten zu sein, sendet er Salucio nach Beitran, um diesen mit den Rittern zu konfrontieren. Jedoch Sral. kommt mit der Meldung zurück, Beitran sei entflohen und wie er sei Beiisa verschwunden. Durch sein Anerbieten, Prud. auf die Spur der Flüchtigen zu bringen, verscheucht Flor, auch dessen letztes Mistrauen. Man macht sich zur Verfolgung der Entflohenen auf (11. 12). Wie Flor, richtig vermuthet hat, findet man sie in Lisardo's Haus, wo auch Ris. und Marc, sind (13. 14. 15). Prud. will sofort seinen Zorn in Lisardo's Blut kühlen, aber dessen Erklärung, dass er Beiisa heiraten wolle, versöhnt ihn, denn damit ist ja seine Ehre wieder hergestellt. So verzeiht Prud. auch derc

12 August Kugel.

finsrierten Arzte seinen Betrug^^) und gestattet ihm, Leonora zu heiraten. Versöhnt und heiter zieht schliesslich Alles nach Prudencio's Haus zum Verlobungsmahl (16).

Wie man sieht, haben El Acero de Madrid und Le Medecin malgre liii allerdings die S. 8 festgelegte Grundidee der Klasse „Diener als Arzt" 2'') gemein. Jedoch würde die ganze Ausge- staltung, die Lope diesem Plane giebt, die komplicierte Handlung, in der nicht weniger als drei Liebespaare nach mancherlei Zwischen- fällen zum erwünschten Ziele gelangen und worin die Rolle des Arztes bei weitem nicht zu der Bedeutung kommt, wie im M. m. l. mit seiner einfachen Handlung, seinen wenigen Personen und den vielen Verschiedenheiten im Detail, den Gedanken an eine direkte und bewusste Benutzung des A. de M. durch Moliere (sie hätte in einer Vereinfachung bestehen müssen) schon fast ausschliessen, wenn die letztere nicht auch dadurch ganz unwahrscheinlich gemacht würde, dass Moliere eben einfachere Ausführungen der nämlichen Grundidee kannte. Auch hätte der 31. m. l. wenig vom „spanischen Geiste" bewahrt. 2^) Auf Lope beruht vielleicht der Zug, dass Moliere seinen Arzt nicht ganz unvorbereitet zu dieser Rolle sein lässt. Weiss Beitran ein wenig Latein, so ist Sganarelle einmal Diener eines Arztes gewesen. Doch kann dieser natürliche Zug recht wohl hier und dort spontan sein.

2. II Medico Volante (Bartoli). Obgleich erst im 18. Jahrhundert niedergeschrieben, kenn- zeichnet sich doch das Scenario : H medico volante, Commedia fatta da commedianti bei Bartoli, Scenari inedüi della Commedia delVArte, Firenze 1880, p. 105 115^^) durch eine Reihe von Zügen, die weder in Dominique's Arl. med. vol. noch in Boursault's oder Mo- liere's Med. Vol. erscheinen, wohl aber mit dem Acero de Madrid übereinstimmen, als inhaltlich älter wie die 3 erstgenannten Formen und dem Acero de Madrid am nächsten stehend. Es hat ebenfalls 3 Akte, fast gleiche Personenzahl^°) wie Lope's Stück, und vor allem wie dieses die mehrfache Liebesintrigue.

^*) Dem stolzen Spanier ist die Person des Lakaien keiner Beachtung wert. Vgl. 111,16 die Worte über Beltran:

Oct. Matare le?

Prud Nog que importa

Que viva? ^') Sollte Oclioa diese mit seiner idea primera meinen, so wäre da- gegen nichts einzuwenden. Doch ist das nicht wahrscheinlich.

-^) Vgl. dazu Moland. Mol. et la com. ital. '^ p. lU; Sa comedie n'a jamais, ou bien rarement, ni Vallure ni le ton de la comedie espagnole.

**) Vgl. dazu Neri im Giorn. storico della lett. ital. I, 1883, p. 75 ff., der aber vom Acero de Madrid nichts erwähnt. ^") S. Anlage III das Personenverzeichuis.

Untersuchungen zu Moliere's Medecin malgre lui.

13

Wie im^. deM. steht den Liebenden eine Verwandte (Ardelia) der fingierten^^) Kranken (Lucinda) im Wege, die erst durcli den Freund (Ottavio) des Liebhabers (Valerio) bethört werden muss, wodurch wieder dessen wirkliche Geliebte (Leouora) sich mit ihm entzweit. Auch der Nebenbuhler fehlt nicht, wenn er auch nicht mehr der Vetter Luc. 's ist; und ihn begleitet wieder ein misstrauischer Diener, der es fast bitterer empfindet als sein Herr selbst, dass dieser von Luc. verschmäht wird. Auch Valerio erhält durch einen Brief Kenntnis von Luc.'s Plan (nur trägt sie ihm gleich auf, un medico finto zu senden). In der ersten Consultation erscheinen, wie im Ä. de M., der fingierte Arzt (Valerio's Diener Cola) und der Liebhaber zusammen; der Arzt heisst Luc. und Ardelia spazieren gehen. Auch der Capitan konsultiert Cola, wie Octavio den Beitran. Bei der zweiten Consultation Cola's durch Luc. hat diese ebentall seinen „Traum" zu erzählen. Dann folgt die Benachrichtigung Ottavio's, der dem Riselo des vorigen Stückes entspricht, durch den zweiten Brief (von Seiten Ardelia's), und die „Verzweiflungsscene" Leonora's-Marcela's.

So stimmt das Scenario auch im Gange der Handlung zum I. und n. Akt Lope's, und es entsprechen sich

Lope

11..

..11

2

. . 2

3 . .'

. . 3

4 . .

. . 5

5 . .

. . 7

7 . .

. . 8

ni . .

. .111

2 . .

. . 3

3 . .

. . 4

5 . .

. . 6

(Musicos)

(Sonatori)

8 . .

. . 9

9 . .

. . 14

10 . .

. . 15

BartoU

Die Verschiedenheiten, welche das Scenario bis dahin dem A. de M. gegenüber zeigt, sind im Verhältnis zu solcher Gleichheit von geringer Bedeutung. Ein Teil derselben findet sich in den jüngeren Formen: Arl. med. vol., Moliere's Med. vol. und Boursault's Med. vol. wieder.

So fehlt der Nebenbuhler Ottavio's bei Leonora-Marcela, die vielmehr durch ihren Vater Nachricht von Ottavio's scheinbarer

^^) Das Personenverzeichnis des Scenario nennt diese Verwandte Ardelia, nipote di Lucinda, wofür doch wohl nipote d'übaldo za setzen ist. Vgl. Neri, Giorn stör. 1,77. Das Scenario ist auch sonst nicht frei von Irrtümern.

14 August Kugel.

Untreue erhält. Das Liebeselement wird dafür durch die Werbung- des neu eingefügten Vaters der Leonora um Ardelia und die des Ubaldo (des Vaters Lucinda's) um Leonora auf seiner Höhe gehalten (vgl. A. de M.: Florencio's undGerardo's Werbung 111,12). Der Nebenbuhler ist nicht mehr ein Neffe oder wenigstens Verwandter Ubaldo's, sondern schlichtweg der Capitano, dessen Misserfolge das Scenario ganz im Sinne, wie die Comm. dell' Arte den Capitano zu behandeln pflegt, in einigen zugegebenen Scenen mit besonderer Freude ausgemalt hat. Die Kranke leidet nicht mehr an opüaclon, sondern an gravidanza. Der „Arzt" kommt nicht direkt zu ihr ins Haus, sondern wird von ihrem Vater auf der Strasse, wo er diesem durch seine „gelehrten" Keden auffällt, angetroffen und zu ihr gebracht. Er schreibt der Kranken auch ein Recept. Der Traum Lucinda's 11,4 wird durch einen zweiten Traum Zanni's, des Dieners desCapitans, und einen dritten Cola's persiffliert. Die erste Konsultation 1,8 enthält bereits die wenig anmutige, aberspeciellvonderComm. dell' Arte gepflegte und mit grossem Behagen fortgepflanzte^^) Besichtigung des orma/e. Akt 11,3 giebt schon für Zanni und den Capitano Scherzmittel an. [Capitano li domanda parere sopra ü mal della ijietra, dice Cola, che sicut gutta cavat la- pidem, che si faccia venir la gotta che guarirä, Zanni domanda la ricetta per U dolor di denti, Cola Vinsegna teuere in bocca una mela appiola, metter la testa in forno, fintanto che detta mela sia cotta, masticandola guarirä.

Mit Scene 11 ^13 des IL Aktes schiebt das Scenario Bar- toli's ein erstes Zusammentreffen Cola's in Dienertracht mit dem Capitan und Zanni ein. Sie glauben in ihm den Arzt zu erkennen und erzählen es Ubaldo. Dieser stellt seine Tochter zur Rede, bringt aber nichts aus ihr heraus. Das Intermezzo bleibt ohne Ein- fluss auf den Fortgang des Stückes.

Von der 16. Scene des U. Aktes ab differenziert sich das Scenario Bartoli's mehr vom Acero de Madrid. Zwar bleibt als Grundgedanke der komischen Lösung, dass der fingierte Arzt in Lakaientracht vom Vater Luc. 's getroffen und ungeachtet aller Finten mit „dem Bruder" erkannt und entlarvt wird, sowie dass der Vater trotz des ihm gespielten Streiches schliesslich der Werbung des Liebhabers der „Kranken" zustimmt. Aber es sind in der 2. Hälfte des Medico Volante (Bartoli) alle anderen Liebeshändel ausser dem des Valerio und der Lucin da verschwunden, tragen also auch nichts mehr zur Schürzung oder Lösung des Knotens bei. Und zweitens wird der fingierte Arzt jetzt, um seine Entlarvung zu ver- hüten, zum „fliegenden Arzt", ganz in der Weise, wie er es

2) Bartoli, Introd. XIIL

Untersuchungen zu Möllere's Medecin malgre lui. 15

"bei Moliere und Boursault ist. Ich gebe diese Scenen (11,16—18; 111,1 6) kurz wieder:

Cola wird auf der Strasse in Dienertracht von Ubaldo ge- troffen. Er hilft sich mit dem Märchen von dem ihm feindlich ge- sinnten Bruder, welcher der Arzt sei. übaldo verspricht, sie mit einander auszusöhnen. Schon nach wenigen Minuten trifft er denn auch den „Arzt", in den sich Cola schnell wieder verwandelt hat, und schliesst ihn in seinem Hause ein, damit er bleiben muss, bis Ubaldo seinen Bruder, den Diener, herbeigeschafft hat. Um die ihm damit auf- genötigte Doppelrolle durchführen zu können, springt Cola, den aber Zanni hierbei beobachtet, aus dem Fenster und erscheint nach kurzem als der Diener wieder. Von Ubaldo neuerdings getroffen, schickt Cola diesen, damit er den Arzt erst noch einmal beschwichtige, voran ins Haus, steigt selbst, wieder von Zanni beobachtet, durch's Fenster zurück, und empfängt Ubaldo als der Arzt. Dies Spiel (das dem Medico volante den Namen giebt) wiederholt sich mehr- mals, bis Ubaldo schliesslich unten bleibt und Cola durch das Ein- greifen des Capitans und Zanni's gezwungen wird, mit verstellter Stimme ein erregtes Zwiegespräch zu fingieren und sich sogar mit seinem Bruder am Fenster zu zeigen, was ihm durch geschickte Verwendung seines Baretts gelingt. Während nun Ubaldo beruhigt ins Haus geht, springt Cola wieder aus dem Fenster, wirft das ärztliche Gewand ab und gesellt sich dankend als der Diener zu Ubaldo. Indem kommt Zanni, der Cola's Kleider gefunden und an- gelegt hat, und deckt Cola's Streiche auf. Aber Ubaldo's Zornes- ausbruch, der (ähnlich wie im Äcero) bis zur Bedrohung mit der Waffe geht, wird durch das Erscheinen Valerio's und Ottavio's gehemmt. Nachdem Ubaldo über die geübte List Aufklärung erhalten hat, willigt er in Valerio's Werbung. Gleiches thut Pandolfo, der Vater Leonora's, dem Ottavio gegenüber.

Erscheint somit auch am Schlüsse das zweite Liebespaar wieder, so ist es doch, wie oben gesagt, von 11,16 ab ohne Einfluss auf die Entwicklung der Intrigue.

3. Trufaldino Medico Volante. Das kurze Scenario Bartoli's erhielt im Jahre 1883 eine er- freuliche Ergänzung durch den von Neri aufgefundenen,^^) ge- druckten^^) Trufaldino medico volante. Comedia nova e ridicola.

3^) Neri, Una Commedia delV Arte. Giern, stör, della lett. ital. I (188.3) p. 75—86. Vgl. dazu Vesselowsky im Mol-Mus. Bd. II (Heft 6) p. 98.

3*) Despois' [Mol p. p. Desp. Nouv. Ed. I, 187;-i, p. 48] Zweifel an der Möglichkeit des Vorhandenseins eines gedruckten oder geschrie- benen Med. vol. vor Dominique, ohnehin kaum stichhaltig begründet, sind dadurch auls glücklichste beseitigt. Vielleicht ist der Fund zugleich eine

16 August Kugel.

Milano, Gioseffo Morelli, 1673. Der glückliche Fand Neri's (leider sagt Neri nicht, wo er den Trufaldin gefunden hat, und in wessen Besitz derselbe ist), ist für die Geschichte des Medico Volante vom grössten Werte, umsomehr als er, wohl von einem Darsteller niedergeschrieben, den echten dialogo improvviso bietet. Dieser Druck ist nicht einmal der erste. Er trägt das Reimprimatur in einer Weise, dass ihm mehrere Drucke vorausgegangen sein müssen. ^^) Der Truf. med. vol. kann also schon lange vor 1673 gedruckt ge- wesen sein. Ausserdem weist Neri 1. c. 75 mehrere Venezianische Drucke man bedenke den Namen Trufaldino! leider ohne Jahr, auf Grund von Allacci's Drammaturgia , Venezia, Pasquali, 1775, col. 796 nach.

Die kurze Gegenüberstellung des Truf. Med. Vol. mit Bartoli's Med. Vol., die Neri 1. c. 77 ff. giebt, erweist volle Ueber- einstimmung der beiden in Akten, Personen^*^) und Handlung. Die Verschiedenheiten sind leichte und unbedeutende, aus dem Wesen der Stegreif komödie und der Art, wie ihre Stücke weiter lebten, entsprungene Abweichungen. Hie und da ist z. B. eine Scene anders gestellt, oder eine weggelassen, oder auch eine Scene des Scenarios inhaltlich auf mehrere des Druckes verteilt. Auch finden sich die Abweichungen hauptsächlich in den Lazzi,^'') wo ja jedem Darsteller der freieste Spielraum gegeben war.

Mit dem Äcero de Madrid stimmt, wie sich hieraus ohne weiteres ergiebt, der Truf. Med. Vol. also ebenso überein wie Bartoli's Scenario.

Die Textstellen, welche Neri aus dem Truf. zum Abdruck bringt, lassen aber die Uebereinstimmung beider mit dem Acero de Madrid noch schärfer hervortreten, als sie beim Vergleich des kurzen Scenarios mit Lope's Stück sichtbar wurde. So entspricht z. B. der Gedankengang des Gesprächs zwischen Isabella und Rosetta, welch letztere, wie Teodora bei Lope, Tante der Heldin ist, genau dem des Gesprächs bei Lope 1,2. Am Ende des ersten Aktes gehen die beiden Frauen dies ist also auch der Sinn des kurzen: Donne per strada a far esercizio bei Bartoli nach dem Giardino a spasso, wo sich Ardelio, Trufaldino und Florindo zu ihnen gesellen und der letztere sich speciell Rosetta widmet; vgl. die Zusammenkünfte im Prado bei Lope. Wie der Acero, endigt auch der Trufaldino mit einer kurzen, höflichen Rede an das Publikum.

Eechtfertigung Cailhava's, der nach Despois 1. c. in seinen Etüden sur Meliere, 1802 p. 133, 154 von einem Med. vol. spricht, als habe er ihn gedruckt vor sich.

^^) Neri, 1. c. 75, Anm. 3.

3«; Siehe Anlage III.

"j Neri, 1. c. 76.

Untersuchungen zu MoUere's Medecin malgre lui. 17

Betrachtet man die Abweichungen der beiden italienischen Stücke vom A. de M. auf ihren Charakter hin, so erscheinen sie durchaus sekundär. Sie lassen sich am natürlichsten erklären, wenn man, wozu ja auch die Uebereinstimmungen drängen, den A. de M. als die Quelle der beiden Stegreifkomödien annimmt. Teils wären sie Consequeuzeu des Strebens der Commedia delF Arte nach straffer Zusammenfassung der Handlung, 2^) teils Umwandlungen ins Derbe^^) oder Possenhafte dem Geschmacke des Publikums zu Liebe, teils Concessionen an die Bühnenverhältnisse, Motive, die natürlich nicht stets getrennt, sondern meist vereint gewirkt haben würden. So erklärt sich z. B. der Fenstersprung aus den beiden letzten Motiven zusammen. ^°)

Das endgiltige Urteil über den Zusammenhang zwischen A. de M. einerseits, Bartoli's Scenario und Trufaldino andererseits setze ich noch aus. Doch ist schon hier zu konstatieren: 1) dass letztere beide Stücke dem A. de M. gegenüber jüngere Formen sind, auf einer späteren Stufe der Entwickelung des Grundstoffes stehen als jener; 2) dass sie ebensowenig wie der A. d. M. die von Moliere be- nutzten Formen des Stoffes gewesen sind.

4. Arlecchino Medico Volante. Einen Schritt weiter, auch über diese Formen hinaus, hat der Arlecchino Medico Volante gethan, wie man gewöhnlich das Scenario des Dominique, Domenico Biancolelli's des Vaters, bezeichnet. Biancolelli kam 1660 nach Paris, wo Moliere's und Boursault's Med. Vol. bereits gespielt waren. Die Aufführung des Arl. M. V. wird von den Freres Parfaict für 1667, also nach dem Med. malgre lui, angesetzt, wobei sie jedoch die Möglichkeit früherer Aufführung durchaus offen lassen. Leider ist das Scenario, wenigstens in Gueullette's Uebersetzung, sehr kurz gefasst und bricht, was mehr zu bedauern ist, mitten im IL Akt ab.^^) Doch ist genug vor- handen, um daraus jetzt, nachdem mehrere italienische Versionen

^^) Vgl. Mol and, Mol. et la comedie ital. ^ p. 6.

^*) Isab. leidet angeblich ebenso wie Luc. bei Bartoli an gravi- danza, cf. Neri, 1. c. 77.

") Vgl. dazu Bartoli, 1. c. Introd. XV: A noi, per esempio, da molta noia quel continuo cicaleggio che troviamo fatto dalla finestra: ma questa e la conseguenza necessaria delV aver sempre posta la scena 0 neUa strada 0 nella piazza.

*') Vgl. die Notice zum Med. Vol. in Mol. p. p. Despois et Mesnard, N. E. I, 47 ff. Ich konnte nur den Abdruck von Gueull.'s Uebersetzung bei den Freres Parfaict, Hist. de l'ancien theätre italien, F. 1753, p. 215—225 benutzen, dagegen nicht erlangen Desboulmiers (= J. A.- Jullien), Hist. anecdot. et raisonnee du theätre italien. P..1769 (I, 76 bis 84). Letzterer bricht ebenfalls mitten im Stücke und wohl an gleicher Stelle ab.

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XX\ 2

18 August Kugel.

des Med. Vol. bekannt geworden sind, auf die Stellung des Arl. Med. Vol. in der Entwickelung des Stoffes „Diener als Arzt" Schlüsse ziehen zu können.

Die Handlung dehnt sich noch über 3 Akte aus, ist aber weiter vereinfacht, zumeist dadurch, dass nur mehr ein, das Haupt- Liebespaar, erhalten ist.*^) Von dem zweiten Liebespaar ist nur Cintio, der Freund des Helden Octave, geblieben. Seine eifersüchtige Liebste erscheint nicht mehr, ebensowenig ihr Vater; und auch Cintio spielt nur melir eine Figurantenrolle. Der Capitan und Trivelin sind dürftige Reste des Nebenbuhlers und seines Dieners. Die im Ä. de M. so wichtige Rolle der feindlichen, erst zu gewinnenden Verwandten ist ganz umgestaltet; die Feindin ist durch eine den Liebenden von vornherein günstig gesinnte und ihnen helfende Dienerin (Diamantine) ersetzt. An die Stelle der Hindernisse, welche die Tante oder Cousine den Liebenden bereitete, ist kurzweg der Widerspruch des Vaters(Pantalon) gegen diese Verbindung getreten.

Doch zeugen eine Reihe von Zügen dafür, dass der Arl. M. V. seinem Kern nach älter ist als Moliere's und Boursault's Med. Vol. Arlequin bringt seinem Herrn einen Brief, in dem ihm Eularia die beabsichtigte List mitteilt. Octave und Cintio veranlassen zu- sammen Arl., den Arzt zu spielen. Pantalon und der „Arzt" treffen sich auf der Strasse; Arl. wird von Pantal. aufgefordert zur Kranken mitzukommen (ebenso : Bartoli's Scenario und Trufaldino). Bei der 1. Konsultation begleitet ihn Oct. als einer seiner Schüler. Eularia ist opilee; sie soll gesunden durch Spazierengehen. Etwas vorgerückt ist der Scherz: gutta cavat lapidem (cf. Bartoli). Die ürinprobe wird mit Gründlichkeit vollzogen, und das Geld Pantalons nach kurzem Sträuben von Arl. gern acceptiert.

Auch der Gang der Handlung des I. Aktes ist derselbe wie in der schon besprochenen Gruppe. Der IL Akt beginnt, ebenfalls mit ihr übereinstimmend, mit der Konsultation des vermeintlichen Arztes durch den Capitan und Trivelin, wobei das nämliche Mittel gegen Zahnschmerzen empfohlen wird wie bei Bartoli. Und in der folgenden Scene zwischen dem „Arzt" und Eularia erzählt diese wieder einen „Traum", den Arl. deutet.

Von hier an weicht der Arl. M. V. von jenen drei Fassungen ab: es erscheint ein „Docteur", dem Arl. vergeblich auszuweichen sucht, weil er ihn für einen Arzt hält (der Docteur ist bei Dom. ein Jurist, der auch Medicin studiert hat), und den er schliesslich mit Unverschämtheit abfertigt. Hier bricht das Scenario ab.

*') Die Personen siehe Anl. UI. Sie sind nach dem Fragment bei den Freies Parfaict zusammengestellt. Für zwei, die ausfallen, tritt eine neu ein.

Untersuchungen zu 3Ioliere''s Medecin malgre lui. 19

Wie sich iiuii die Figur des Docteur nur bei Boursault und in Moliere's Med. Vol. wieder findet, so ist das noch für einige Züge der Fall, die fast bis auf die Worte zu den erwähnten beiden französischen Stücken (und zum Teil auch zum Med. malgre lui) stimmen. Arl. übernimmt die Arztrolle nur mit Widerstreben, ist aber bald von Selbstbewusstsein durchdrungen. Die Patienten sollen es sich gesagt sein lassen, nicht ohne ihn zu sterben: au moins que mes malades ne s'avisent point de mourir avant que je leur aie rendu ma visite. (Mol. M. vol., Med. m. l; Bours.). Ferner: Arl. betastet den Puls Pantalons, des Vaters der Eularia, und erklärt auch diesen für krank, denn, sagt er: tel est le pere, (eis sont les enfants .... Eh bien ! le sang de votre fille etant echauße, altere, le votre le doit etre aussi. (Mol. M. vol., M. m. l; Bours.j. Als der Docteur kommt, behauptet Arl. gehen zu müssen: mes malades m'aüendent (Mol. M. vol.). Vielleicht ist auch Diamantine eine Copie Jacqueline's im M. m. l. f Doch spricht m. E. hiergegen, dass auch Bours. die den Liebenden freundlich gesinnte Dienerin hat. Leicht mag auch die Moliere'sche Gewandtheit in der Steigerung und Zuspitzung des Dialogs auf Domenico's Arl. gewirkt haben. Stellen wie die 1. Konsultation bei Domenico erinnern un- willkürlich an Moliere's Art.

Nach den oben gegebenen Daten ist eine Beeinflussung Domenico's durch Moliere, sei es vom Med. Vol., sei es vom Med. m. l. aus, nicht nur sehr möglich, sondern ganz wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie sehr gegenseitige Entlehnungen von Bühne zu Bühne im Schwange waren. Die Freres Parfaict {Eist, de Vanc. th. it. p. 225) nehmen die zweite Möglichkeit auch an. Sie sagen: On peut remarquer aisement dans cette piece plusieurs endroits imites de la comedie du Medecin malgre lui de M. Moliere. Ich setze mein Urteil hierüber noch aus.

Es wäre nun die Annahme ganz natürlich, dass der Arl. Med. Vol. sich in ähnlicher Weise wie die besprochenen oder die noch zu besprechenden Komödien vom „Diener als Arzt" weiter entwickelt und geendet habe. Dem scheint ein Zusatz Desboulmiers" zu dem Fragment zu widersprechen, worin er (nach Despois, 1. c. 1,49) sagt: La Situation qui donne le titre ä la piece est une lettre qvi'Arlequm {deguise en medecin) doit remettre ä Vamoureuse; la porte lui etant interdite, il entre et sort plusieurs fois par la fenetre. Aber könnte sich Desboulmiers mit dieser Angabe nicht geirrt, oder sie nach einer Form gemacht haben, in der er zu seiner Zeit den Medico Volante aufführen sah?^^)

*^) Der Arl. M. Vol. wurde im 18. Jahrhundert in Frankreich noch gespielt. Vgl. Freres Parfaict, Hist. de Vanc. th. ital, p. 215: Hist. du theätre frangais IX,83.

2*

20 August Kugel.

Jedenfalls ist der Arl. Med. Vol. Domenico's seinem Kerne nach, wenn dieser auch wiederum vereinfacht ist, eine ältere Form des „Dieners als Aizt", als sie Boursault's und Moliere's Stücke dar- stellen, und zwar scheint er mir zwischen den drei erstbesprochenen und den beiden letztgenannten Formen die Mittelform. 5. La Zerla (La Hotte).

Die Freres Parfaict beginnen^^) die Analyse des Arl. Med. Vol. mit den Worten: Le fond de cette piece se trouve dans le troisieme acte de la precedenfe; celle-ci n'en differe que par les details qui y sont jdus allonges. Die piece precedente ist ein ebenfalls dem Scenario des Dominique entnommener, dreiaktiger Canevas: La Zerla (La Hotte).^^) Für uns ist in der That nur der IIL Akt dieses Stückes von Belang. Denn der I. und II. Akt von La Zerla haben eine Handlung für sich, deren Inhalt kurz folgender ist. Eularia, die Frau eines Docteur, d. h. des Dottore der Comm. dell'Arte, ist in einen jungen Manu namens Octave verliebt. Sie weiss Octave durch seinen Diener Arlequin von ihrer Neigung zu ihm Nachricht zu geben, und nach einigen missglückten Versuchen gelangt Octave auch dadurch, dass ihn Arl. in einem Tragkorb (daher der Titel des Stückes) ins Haus des Docteur trägt, zu Eularia. Doch wird er vom Docteur bei ihr überrascht und aus dem Hause gejagt.

Mit dieser Handlung hat die des III. Aktes absolut nichts zu thun. Zwar erscheinen in ihm die Figuren bez. Namen Eularia, Octave, Arlequin wieder; das ist aber auch der ganze „Zusammenhang" des III. Aktes mit den beiden ersten. Der Docteur ist in ihm ganz verschwunden; Eularia ist nicht mehr Frau des Docteur, sondern die noch ledige Tochter Pantalons, um die der junge Octave wirbt.^^)

Wer aber vermuthet, nun den Arl. M. Vol., in einen Einakter zusammengezogen , wieder zu linden , wird enttäuscht werden. Denn der m. Akt von La Zerla ist nur eine freie, wohl ganz aus Domenico's Phantasie stammende Ausgestaltung des Gedankens, der auch dem Arl. Med. Vol. zu Grunde liegt: Erreichung eines Liebeszieles durch simulierte Krankheit und fingierten Arzt. Solche Variationen des in der Comm. dell'Arte unstreitig beliebten Sujets sind ohne Zweifel häufiger gewesen.^') Arl. trägt nämlich in Arzt- kleidung Eularia, die Tochter Pantalons, die sich tot stellt, aus dem Hause ihres Vaters fort, erweckt sie gegen gute Belohnung von Seiten ihres Liebhabers Octave, seines Herrn, wieder zum Leben

**) Hist. de Vanc. theätre ital. p. 215.

«) ibidem p. 205—215

*•) Die Personen siehe Anlage III.

*') Vgl. Fournel, Les contemporains de Möllere 1.97 in der Vor- rede zu Boursault's Med. vol.: On en retrouve le fond da)is plusieurs comedies de la meme scene, en particulier dans le troisieme acte de la Zerla.

Untersuchungen zu MoUere's Meäecin malgre Im. 21

und hilft dann den Liebenden zur Flucht. Sie werden aber von Pantalon ereilt und in sein Haus eingeschlossen. Als sie Arl. mittelst einer Leiter befreien will, kommt Pant. mit der Polizei. Arl. entflieht, Oct. wird festgenommen. Doch besänftigt seine jetzt ausgesprochene Werbung den Zorn Pantalons, und es wird fröhliche Verlobung gefeiert.

Diese Variante hat weder zu Boursault noch zu Moliere Be- ziehungen. Wir können sie deshalb verlassen, ohne sie weiter zu berücksichtigen.

Moliere's und Boursault's Medecins Volants.

Eine vierte Stufe des Stoffes ,, Diener als Arzt", die letzte vor dem Med. m. lui, stellen Moliere's und Boursault's gleich- namige Stücke zusammen dar. Beide sind sie Einakter, in denen der Gang der Handlung gleich, wenn auch bei Boursault auf mehr Scenen verteilt ist. In beiden steht dem einen Liebespaare von Anfang an eine freundliche Helferin zur Seite, die den Liebhaber mündlich zur Sendung des medico finto veranlasst: die Briefe fallen fort. Der Nebenbuhler des Liebhabers tritt nicht mehr auf, sondern kommt bei Moliere noch zur Erwähnung, fehlt bei Boursault ganz. Da aber die Bolle des misstrauischen Beobachters, die früher der Diener des Nebenbuhlers ausfüllte, bewahrt ist, blieb dieser Diener, nur dass er sich in einen solchen des starrköpfigen Vaters der Greliebten umwandelte. Der Freund des Liebhabers, dessen EoUe schon im Arl. M. V. bedeutungslos war, ist hier ebenfalls beseitigt. Der Diener des Liebhabers tritt, da die Briefbestellung fehlt, erst auf, als sein Herr schon die Absicht hat, ihn als Arzt zu verwenden. Seine Doppelrolle führt er ganz wie in den besprochenen italienischen Komödien vermitttelst des Fenstersprunges durch. Die Derbheiten jener Komödien sind so gut wie nicht abgeschwächt. Der Traum, den die Heldin sonst gehabt hat, fehlt in beiden französischen Fassungen. Beide haben aber das Zusammentreffen des fingierten Arztes mit einem wirklichen Arzt oder von ihm doch dafür ge- haltenen „Doctor", wie der Arl. Med. Vol.

Dies die Moliere und Boursault gemeinsame Grundform. In ihrer Ausführung weichen sie von einander ab, wie die Einzel- besprechung sofort zeigen wird.

6. Moliere's Medeciu Volant. Ich stelle diesen voran, weil er älter als der M. V. Bour- sault's ist, und analysiere ihn ausführlicher, einmal um ihn mit Boursault's Stück der öfters behaupteten Nachahmung wegen zu vergleichen, besonders aber um sein Verhältnis zum Med. m. lui und den anderen Stücken Moliere's, in denen Aerzte vorkommen, später vermittelst dieser Analyse leichter festzustellen.

22 August Kugel.

An der Authenticität von Moliere's Med. Vol. ist wohl eben- sowenig ein Zweifel wie an seiner Abstammung von der Commedia deir Arte. Wollte man den M. V. den italienischen Dreiaktern äusserlich angleichen, so Hessen sich Scene 1 5 als I. Akt, 6 14 als II. Akt und 15 und 16 als III. Akt bezeichnen. Die Per- sonen des Moliere'schen M. V. sind nicht mehr so sehr blosse Typen wie die der italienischen Komödien, aber das Ganze trägt doch durchaus noch den Character der commedie improvise.

Scene 1.^^) Sabine, die Cousine Lucile's, berichtet deren Lieb- haber Valere, dass der alte Villebrequin um Luc. geworben habe, und diese auf den Einfall gekommen sei, sich krank zu stellen, um diese Heirat zu hintertreiben. (Die Krankheit, die sie simuliert, wird aber nicht genannt.) Sabine ist von Grorgibus, Luc. 's Vater, nach einem Arzte gesandt und schlägt daher Val. vor, er solle ihr einen ihm befreundeten Arzt senden, der Luc. Landaufenthalt ver- ordne. Dann werde Gorg. sie gewiss in seinem Gartenpavillon ein- logieren. Dort aber könnten die Liebenden leicht zusammen kommen. Als Val. keinen Arzt weiss, der ihm diesen Dienst leisten würde, rät ihm Sab., doch seinen Diener Sganarelle als Arzt zu verkleiden und herzuschicken. Gorgibus werde sich gewiss von ihm düpieren lassen.

Scene 2. Sganarelle nimmt denn auch für zehn Pistolen den Auftrag an, wii'd angewiesen, recht viel mit Galen und Hippo- krat um sich zu werfen, und geht mit Val. ab, seine Arztrobe und seine „ärztlichen Licenzen" {venez. . . me donner mes licences qui sont les dix pistoles promises) in Empfang zu nehmen.

Scene 3. Gorgibus, der um Luc. in grosser Sorge ist, will inzwischen auch noch seinen Diener Gros-Rene nach einem Arzte senden. Aber Gros-Rene ist wenig willig zu gehen. „Was soll ihr ein Arzt helfen?" denkt er. ,,Gebt ihr einen jungen Mann". {Croyez-vous que ce ne soit pas le desir qu^elle a d'avoir un jeune komme qui la travaiUef) Er hat sich schon auf einen Hochzeits- schmaus gefreut, und dessen Verzögerung passt ihm gar nicht.

Scene 4. Da kommt Sab. mit der Nachricht zurück, sie habe einen Arzt gefunden, der aus fernen Landen komme und die schönsten Geheimmittel besitze (qui sait les plus beaux secrets). Als Arzt verkleidet, tolgt ihr Sgan. auf dem Fusse. Von Gorg. respekt- vollst begrüsst, rühmt er sich und seine Kunst in Reden voll bur- lesken Lateins und greift, sie zu zeigen, nach Gorgibus' Puls. Der Einwand, dass dieser gar nicht der Patient sei, macht Sgan. nichts aus; kann er doch auch nach Gorg.'s Belinden Lucile's Zustand be- urteilen. (Sabine: Eh.' ce ri'est pas lui qui est malade, c'est sa fille.

*^) Die Personen siehe Anlage III.

Untersuchungen zu Moliere's Medecin malgre lui. 23

Sgan. II n'itnporte; le sang du pere et de la fille ne sont qu'unt meme chose, et par Valteration de celui du pere, je puls connaitre la maladie de la fille.) Dann untersucht Sg. den Urin der Kranken und lässt hierauf diese selbst holen, denn ü ne faul pas qu'elle s''a- muse ä se laisser mourir sans V ordonnance du medecin.

Scene 5. Der ,, Kranken" weiss Sg. den „Grund" ihrer Krankheit sehr klar zu machen; als ein gutes Zeichen erklärt er es dabei, dass sie grosse Schmerzen fühlt. ( . . Sentez-vous de grandes douleurs ä la tete, aux reins? Oui, monsieur. C^est fort hien fait.) Schon will er ein Recept verschreiben, da fällt ihm bei, dass er ja gar nicht schreiben kann. So begnügt er sich da- mit, einen Landaufenthalt zu verordnen. Dazu schlägt Gorg. in der That seinen Gartenpavillon vor, und sie gehen zusammen ab, diesen zu besichtigen.

Scene 6. Indem kommt der Advokat des Hauses, der von Luc. 's Krankheit gehört hat, um seine Teilnahme zu bezeugen und sich „für alle Fälle" zu empfehlen.

Scene 7. Gorg. erzählt ihm von Sgan. und muss ihn auf seine Bitte mit diesem bekannt machen.

Scene 8. Sgan. fürchtet jedoch, von dem wissenschaftlich gebildeten Manne als Nicht- Arzt erkannt zu werden, und möchte der Unterhaltung mit ihm ausweichen. {Je n^ai pas le loisir .... mes malades m'attendent.) Trotzdem muss er eine lange, mit Latein gespickte Rede auf die Heilkunst anliören ( Vita brevis, ars vero longa, occasio autem praeceps, experimentum periculosum, Judicium difficile u. a.), ehe der Advokat merkt, dass er Sgan. unbequem ist {Mon- sieur, fai peur de vous etre importun), und sich empfiehlt. Jetzt ist Sgan. wieder hoch. H sait quelque petite chose, ist sein Urteil über den Advokaten, als Gorg. danach fragt. Dann verabschiedet sich Sg. ebenfalls. Das ihm hierbei von Gorg. angebotene Geld nimmt er dankend an, wenn auch mit der Versicherung: Je ne suis pas un homme mercennaire.

Scene 9. Während dieser Zeit hat Valere von keiner Seite Nachricht über Sgan. und dessen etwaige Erfolge erhalten. In be- greiflicher Unruhe auf ihn wartend, trifft er ihn endlich, wie er seinerseits, wieder in Dienertracht, nach Valere sucht.

Scene 10. Mit Freude hört nun Val. Sgan. 's Bericht und macht sich schnell zu dem Pavillon auf. Ehe aber auch Sgan, Zeit gefunden hat, sich zu entfernen, kommt Gorgibus herbei. Sgan. kann ihm nicht ausweichen und beschliesst , einer Erkennung durch eine kecke List zuvorzukommen.

Scene 11. Er empfängt also Gorg. sofort mit einer Frage nach dem Arzte Sganarelle, seinem Zwillingsbruder, (sich selbst nennt er Narcisse), erzählt, wie ihn dieser wegen zweier zerbrochener

24 August Kugel.

Phiolen aus dem Hause gejagt habe, und schildert sehr beweglich sein jetziges Unglück: Je suis un pauvre gargon ä present, sans Support, sans aucune connoissance. Gorg. , der die ihm gleich auf- gefallene Aehnlichkeit des Dieners mit dem Arzte nun ganz natür- lich findet, wird hierdurch so gerührt, dass er die Brüder zu ver- söhnen verspricht. Darauf geht der Diener Narcisse ab, um sofort in

Scene 12 als Doctor Sgan. zurückzukommen. Allen Bitten des Gorg. setzt dieser aber sich steigenden Zorn entgegen, besonders weil Narcisse gewagt habe, sich gleich an Gorg. zu wenden {mais voyez Vimpudence de ce coquin-lä, de vous aller trouver pour faire son accord). Schliesslich giebt Sg. nach, wie er betont, nur Gorg. zu Liebe, und sie trennen sich wieder.

Scene 13. Kaum ist Sg. nun wieder in Dienertracht zurück- gekehrt, so trifft er mit dem vom Pavillon kommenden Valere zu- sammen. Eben will er diesem auch seine zweite List erzählen, da erscheint Gorg. Valere entflieht, Sgan. -Narcisse bleibt.

Scene 14. Mit grosser Freude berichtet Gorg. dem Narcisse sofort, dass sein Bruder ihm verzeihen wolle. Da Gorg. aber der Aufrichtigkeit des Arztes nicht ganz traut, hat er sich in den Kopf gesetzt, dass die Versöhnung vor seinen Augen geschehen müsse. Damit nun Narc. nicht etwa aus Angst entflieht, schliesst ihu Gorg, in sein Haus ein; dann macht er sich auf, den Doctor zu suchen. Sgan. ist jetzt in grosser Verlegenheit. Wie soll er Arzt und Diener weiterspielen? Easch entschlossen, springt er aus dem Fenster, um zunächst seine Arztkleidung zu holen, und dann sein Glück zu versuchen.

Scene 15. Den sonderbaren Springer bemerkt jedoch Gros- Rene. Er wundert sich über ihn und beschliesst auf ihn aufzu- passen. — Es folgt nun mehrmaliges Ein- und Aussteigen durch's Fenster und schliesslich, als Gros -Rene auch seinen Herrn miss- trauisch gemacht hat, die Täuschung der beiden durch das fingierte Zwiegespräch und die geschickt gemachte Umarmung. Dann kommt der Arzt aus Gorgibus' Hause zurück, und zwar ohne seinen Bruder, weil er sich desselben schäme. (Je ri'ai pas voulu que ce coquin soit descendu avec moi parce qiCil me fait honte). Während Gorg. geht, auch Narcisse herauszulassen, wirft Sg. rasch die Arzt- robe bei Seite, steigt wieder ins Zimmer hinein und kehrt von da als Narc. mit Gorg. zurück. Aber inzwischen hat Gros -Rene die Arztrobe gefunden und wahrgenommen, dass Lucile und Valere entflohen sind. Das corpus delicti in der Hand, entlarvt er den vermeintlichen Arzt. Aber Sg. bewahrt seine Ruhe. Nicht einmal Gorgibus' Drohung: tu seras pendu, fourbe, coquin/ schreckt ihn. Er rät vielmehr, da ja Rang und Besitz gleich seien, das Geschehene anzuerkennen und zu verzeihen. Das sei das Beste.

Untersuchungen zu Moliere's Medecin malgre lui. 25

Scene 16. Als in diesem Augenblick das Liebespaar znrüfk- kommt und sich, um Verzeihung und Zustimmung flehend, Gorgibus zu Füssen wirft, sieht dieser auch ein, dass »Sgan. recht hat. Er verzeiht, und alle ziehen fröhlich zum Verlobungsmahl.

7. Boursault's Medecin Volant.

Mit Moliere's Stück zeigt, wie schon ausgeführt wurde, der etwas jüngere Medecin Volant von Edme Boursault^^) (vom Jahre 1661) eine so weitgehende Uebereinstimmung, dass er mit jenem zu einer Gruppe zusammengestellt werden durfte und musste. Nach Boursault's eigener Angabe^") ist sein Med. Vol. die metrische ge- treue lieber Setzung eines italienischen Sujets, das schon vorher, sowohl in Prosa als in Versen, ins Französische übertragen worden sei und allenthalben mit Beifall gespielt werde. Trotz dieser Versicherung liegt in der That die Vermutung, Boursault's Einakter sei nichts als eine Versificierung des Moliere'schen, nahe genug, undBoursault ist wirklich vielfach des Plagiats an Moliere beschuldigt worden. Wenn ich mit Despois^^) diese Annahme abweise, so veranlassen mich dazu nicht sowohl Despois' hauptsächlich aut Boursault's Charakter und seine Stellung zu Moliere basierten Argumente, auch nicht der Umstand, dass Boursault's Med. Vol. im ganzen Tone viel melir an die Stegreifpossen erinnert als Moliere's Stück (das könnte ja eine Wiedervergröberung sein, die Boursault's ge- ringerer dichterischer Befähigung zur Last fiele); sondern es ver- anlassen mich dazu eine beträchtliche Anzahl Abweichungen Boursault's von Moliere, von denen ein Theil in bei Moliere fehlenden Uebereinstimmungen mit älteren Formen des „Dieners als Arzt" besteht.

Erstens steht bei Bours. den Liebenden nicht von vornherein (wie bei Mol.) eine Werbung von anderer Seite im Wege. Sie sind getrennt und behindert, weil der Vater (Fernand), auf seines Hauses Ehre eifersüchtig (cf. Lope), die Tochter (Lucrece) eingeschlossen hält. Zweitens deutet Lise, Lucrece's Dienerin, dem Verliebten das anzuwendende Mittel nur an, so dass er von selbst auf die Idee kommt, seinen Diener Crispin als Arzt verkleidet zu Lucr. zu senden. Drittens wird der Arzt nicht von Lise eingeführt (sie behandelt ihn sogar nicht bloss wie einen ganz Fremden, sondern verächtlich, wie einen Bettler, damit Fernand ja keinen Verdacht schöpfe), sondern der Arzt triftt, wie in Bartoli's Scenario, im Triif. und Arlecch., auf der Strasse mit Fernand zusammen, erregt dessen Aufmerksamkeit durch

") Abgedruckt bei Fouvnel, Contempor. de Moliere. I, 103 126. Die Personen siehe Anlage IJI.

^") In dem Avis au Lecteur, abgedruckt in Despois' Mol- Ausg. N. E. 1,50.

»') Oeuvr. de Mol. N. E. 1,50.

26

August Kugel.

lautes, gelehrt klingendes Selbstgesprächund wird daraufhin von ihm an- gesprochen und zu der Kranken gebeten. Viertens wird als Lucr.'s Leiden angegeben : eile sepiaint du venire, (cf. Ac. deM., Bart. 's Scenano, Truf., Arl.), während bei Mol. die Krankheit gar nicht genannt wird. Fünftens schreibt Crispin wirklich ein Recept (cf. Bart., ebenso wohl Truf.), während Sgan. bei Mol. es nur thun will. Sechstens ordnet Crispin ausserdem an, dass Lucr. nach vorn heraus schlaten solle. Die Entführung wird also hier etwas anders als sonst ermöglicht. Siebentens ist der Doctor, dessen Erscheinen Crispin in Verlegenheit setzt, ein wirklicher Arzt, den Fernand's ebenfalls nach einem Arzt gesandter Diener Philippin herbeiführt; von den 3 Fassungen dieses Rencontres die bestmotivierte und natürlichste. Endlich achtens weicht auch der Scliluss von Mol. ab, indem Fern, zur Wiederbe- stellung seiner Ehre dem zurückgekehrten Liebespaar die Ehe zur Bedingung macht (cf. Lope).

W^enn ich auf Grund dieser Abweichungen Boursault's Med. Vol. nicht als eine Versilicierung und blosse Copie Moliere's ansehen kann, so will ich damit doch nicht behaupten, dass Bours. nicht Entlehnungen bei Moliere gemacht haben könnte. Ob man die Zusammendrängung des Stoffes in einen Akt als eine solche auffassen darf, wird besser unentschieden bleiben, da nichts die Auffindung eines italienischen einaktigen Vorbildes unmöglich erscheinen lässt. Uebrigens ist sie ein ganz äusserlicher, die Handlung kaum beeinflussender Kunstgriff, der (ja auch heute noch) häufig Verwendung findet. Man denke z. B. nur daran, dass der Dreiakter L'Amour Medecin oft als Einakter gespielt worden ist. Folgende Züge aus Boursault möchte man ihrem Wortlaut nach vielleicht für Moliere in Anspruch nelimen:

Boursault. sc. 7. Fern j'ay peur de sa mort

Crisp. ... Elle a donc guel-

que mauvais dessein,

Pidsqu'elle veut mourir sans au-

cune ordonnance.

sc. 12. Vita brevis, ars vero longa, occasio

autem praeceps,

Experimentum periaiJosum, Judi- cium ditficile

Mais peut-estre, Monsieur, je vous

suis incommode.

sc. 13. Kern. IJe bien, ce medecin, vous

voyez comme il cause,

Qu'en dites-vous ?

Crisp. / sgait quelque pe-

tite chose.

sc. 19. Fern. Jeveux qn'i! te pardonne

en ma propre presence.

Moliöre.

sc. 4. Gorg j'ai grand'peur

qu'elle ne meure.

Sgan. Ahl qu'elle s'en garde bien! il ne faut pas qu'elle s'a- muse ä se laisser mourir sans l'ordonnance du medecin. sc. 8. Vita brevis, ars vero longa, occa- sio autempraeceps, experimentum periculosum, Judicium difficile . . Monsieur, j'ai peur de vous etre importun.

sc. 8. Gorg. Que vous semble de cet homme-lä ? S g a n a r e 1 1 e : 11 sait quelque petiie chose. . . .

sc. 14.

Gorg. . . . je veux qu'il vous em- brasse en ma precence.

Untersuchungen zu MoUere's Medecin malgre lui. 27

sc. 22. Philipiu: Ma foy, ce

sauteur est plaisant.

Mais il sort de chez nous, il n'a

rien que je sgache;

11 taut pour l'epier qu'un moment

je me cache.

sc. 24. Crisp. . . J'ai/ fait defense au

coquin de me suivre;

J'en aurois de la honte.

Gros-Renö: Ali! ma foi, voilä qui est dröle! comme diable on saute ici par les fenetres! II taut que je demeure ici, et qtie je voie ä quoi tout cela uboutira.

sc. 15. Sgan. . . . jen'aipasvoiclu que ce coquin soit descendu avec moi, parce qu'il me fait honte.

Jedoch zwingend sind diese Uebereinstimmungen nicht (zur erstgenannten Stelle vgl. die Parallele im Arl. Med. Vol. des Dominique, oben S. 21), und Boursault's Med. Fo^. ist trotz derselben jedenfalls als eine, zwar vielleicht hie und da von Moliere beeinflusste, im Ganzen aber selbständige Bearbeitung eines italienischen Medico Volante zu erachten.

Die Seite 23 hervorgehobenen Uebereinstimmungen mit Mol.'s Med. Vol. aber sind dahin zu erklären, dass beide Stücke zurück- gehen auf einen italienischen Typus, der dem Ärl. M. V. gegen- über, neben oder nach welchem er sich entwickelte, wiederum ver- einfacht war, in erster Linie durch mündliche Verabredung der List, Auftreten des „Arztes" ohne Begleitung, und Wegfall des Neben- buhlers sowie des Freundes des Liebenden. Dieser Typus erzeugte, wie es bei der Art der Fortpflanzung und Erhaltung der comniedie improvvise nicht anders zu erwarten war, leicht variierende Ver- sionen, die bald diese, bald jene älteren Züge festhielten. Hier ist die Vermittlerin noch mit der Kranken verwandt, dort ist sie nur mehr ihre Dienerin; hier wird der Nebenbuhler noch erwähnt, dort ist er ganz verschwunden, u. a. Eine Variante der zweiten Art hat Boursault, und zwar warum sollten wir seiner Versicherung nicht trauen? mit grosser Treue, eine solche der ersten Art Moliere, dieser aber, wie es seinem Genius entspricht, mit grösserer Selbständigkeit benutzt.

Ist der Acero de Madrid Quelle und Urform der Gruppe: Diener als Arzt? Halten wir hier inne, um einen zusammenfassenden Rückblick auf die Geschichte des bisher nach den einzelnen Erscheinungs- formen besprochenen Stoffes : „Diener als Arzt" zu werfen, ehe wir uns zu seiner weiteren Benutzung durch Moliere wenden.

Die älteste Behandlung der Grundidee: „Erreichung des Liebes- zieles durch Simulierung von Krankheit und Beihilfe eines fingierten Arztes" fanden wir in Lope's Acero de Madrid. Ist dieser die Mutterform, die Quelle der jüngeren Behandlungen, die wir kennen lernten? Und: ist er auch die Urform? Auf diese beiden Fragen wird jetzt zu antworten sein.

28 August Kugel.

Die erste Frage darf, wie ich glaube, bejaht werden. Erstens sind die äusseren Bedingungen , die hierzu nötig wären, in vollem Masse gegeben. Schon seit Philipps II. Zeit halten sich italienische Stegreiftruppen in Spanien auf.^^} Die regsten Beziehungen ver- binden auf dem Grunde politischen Zusammenhangs Italien und Spanien im 16. und 17. Jahrhundert überhaupt. So konnten die italienischen Komödianten den beliebten und erfolgreichen Acero de Madrid, sei es in Italien, sei es in Spanien, sehr wohl kennen lernen. Und wenn sie ihn in Anerkennung der vis comica ihrem Repertoire einverleibten, so übten sie damit einen Brauch, den sie oft genug auf litterarische Komödien angewandt haben.

Zur äusseren Möglichkeit kommt die Wahrscheinlichkeit aus inneren Gründen. Es ist nicht nötig, noch einmal die Details zu- sammenzustellen, welche gebieterisch fordern, alle Formen des „Dieners als Arzt" vom Acero de Madr. abzuleiten. Nur einen Zug möchte ich noch hervorheben, der, bei Lope logisch und wohl- begründet, in den späteren Komödien nicht mehr recht verständlich ist und doch bewahrt wird, eben in seiner Beibehaltung eine treff- liche Stütze meiner Annahme. Mit der Simulation von Krankheit bezweckt Beiisa zunächst sich die Möglichkeit häufigen Zusammen- treffens mit Lisardo zu schaffen. Zu letzterem waren Spaziergänge nach den gerade damals in Mode stehenden Stahlquellen von Madiid die schönste Gelegenheit. Also wählt Bei. eine Krankheit, die den Gebrauch der Stahlquellen begründet, und ist deshalb magenleidend: opilada. Weshalb aber muss Eularia im Arl. M. V. gerade opüee sein? Weshalb giebt Boursault als Leiden der Lucrece an: eile se plaint du venire? Weist das nicht zwingend auf den Ac d. M. zurück? Und was die gravidanza der Lucinda bei Bart., der Isabella im Truf. anbetrifft, so ist sie doch unzweifelhaft desselben Ursprungs und eben nichts als eine absichtliche Vergröberung seitens der Commedia dell' Arte.

Es genügt, die Veränderungen, welche die Gestaltung des Stoffes von Lope bis zu Moliere's Med. Vol. erlitten hat, im Ganzen zu überschauen. Sie sind ein konsequenter Prozess der Verein- fachung, dem das Streben der Commedia dell' Arte nach energisch fortschreitender, straft zusanimengefasster Handlung zu Grunde liegt. In die vereinfachten Formen aber mischt die Stegreifcomödie Possen- haftes und Unflätiges, teils als ganz neue Einschiebsel, teils als Umgestaltungen älterer Züge. Auch vergisst sie nicht mit ihrer Bühne zu rechnen, deren bescliränkten örtlichen Verhältnissen gemäss sie die Handlung der Quelle ändert, und zwar um so lieber, wenn diese Aenderungen sich derbkomisch gestalten lassen, wie z. B. der

^*) Cf. Bartoli, Scenari inediti .... Introd. CCXXIX.

Untersuchungen zu MoUere's Mededn malgre lui. 29

Fenstersprnng'. Eine solche Aenderuug aus Bülineiirücksichten ist es auch, wenn die Liebenden nicht wie bei Lope verfolgt werden, sondern von selbst zurückkehren, und die Aussöhnung- nicht im fremden, sondern im Hause des Vaters erfolgt.

Auf die Namensgieichheiten oder Aehnlichkeiten lege ich kein Gewicht. Mau kann mit ihnen nichts beweisen, weil in derCommedia dell' Arte bekanntlich die Personen derselben Comödie von Truppe zu Truppe mit den Darstellern meist auch die Namen wechselten, d. h. die (Theater-) Namen der Darsteller annahmen.

Von Italien aus ist dann der „Diener als Arzt" mit der Comm. d. A. nach Frankreich und weiter gelangt, freilich nur für den- jenigen noch deutlich als Spross des Ac. d. M. erkennbar, der die Mittelformen von Lope bis Möllere und Boursault durchforscht.

Schwieriger ist die Antwort auf die zweite Frage: „Ist der Ac. d. M. auch die Urform des Stoffes?" Nein, wenn wir letzteren auf die einfachste Grrundidee^^) reducieren, nämlich : Erreichung eines Liebes-Zieles durch Simulierung von Krankheit. Nein, auch dann noch, wenn wir hinzufügen: und mit Hilfe eines Arztes. Denn wie sich diese Ideen noch heute im Leben bethätigen und litterarisch verwendet werden, so haben sie natürlich auch zur Zeit Lope's und vor ihm im Lebengewirkt und in der Litteratur Verwendung gefunden. Viel- leicht dürfen wir Lope die Einführung des fingierten Arztes in die Liebesintrigue, und die Verwendung des Dieners als solchen zu- schreiben. Für den Diener aber hat natürlich der alte Dienertypus, der antike servus, spanische criado, italienische servo, Modell ge- standen.

Trotzdem, meine ich, ist der Acero de Madrid mit seinem echt spanischen Character und seiner dichterischen Vollendung als Ganzes original, ist er die Urform der Comödien vom ,, Diener als Arzt", die, wenn auch aus gegebenen Elementen, geschaffen zu haben das Werk Lope's ist.

In der Anlage II habe ich meine Resultate in Form einer Tafel darzustellen versucht. Erst nach dem Abschluss dieses

^^) Diese nennt Mahren ho Uz 1. c. 197 (s. oben S. 6) die List der Tochter des Geronte, von der er mit Recht sagt, sie sei: ein beliebtes Tliema der Farce des 16. Jahrhunderts gewesen. Aber dieser Grundgedanke ist zu allgemein. Er ist ebensowohl auf den M. m. l. als auf L'Amour Mededn, auf den Ac. d. Madr. und die Medecins Vol., auf Scarron's Jod. Duell, und dessen spanisches Vorbild No hay peor sordo que el que no quiere oir von Tirso de Molina, etc. etc. anwendbar. Er muss jeweils zur Aufklärung etwaiger Quellenverhältnisse durch spe- cifische Differenzen eingeschränkt weiden. Eine solche wird zunächst die Art der simulierten Krankheit sein, und Mahrenholtz dürfte in seinen Worten wohl die Stummheit Lucinde's mitinbegriffen haben. Doch ist gerade für den M. m. l. dieser Zug unwichtig. Für ihn ist die ent- scheidende Differenz die Rolle des „Dieners als Arzt".

30 August Kugel.

Teiles meiner,, üntersiichuniien zum Med. m. l." wurden wir De lamp 's an das Erscheinen von Bartuli"s Scenari inediti anknüpfende, kurze und m. W. nicht beachtete Ausführungen: Les Sources de Moliere. Deux Canevas Italiens. Origines du medecin Volant, im molieriste, t. III. (1882) p. 312 314 bekannt, in welchen er sagt: Tout au contraire des pieces frangaises,^^) la source commune de tous les Me- decins Volants, italiens et frangais, s'y^'^) reconnait clairement. Cette source qui n'a, je crois, pas encore ete signalee, se trouve dans un episode d'tme comedie de Lope de Vega, El Acero de Madrid. Darf ich also auch Selbständigkeit für mich in Anspruch nehmen, so erkenne ich doch selbstverständlich die Priorität Delamp's im Resultat gerne an. Doch konnte ich Delamp's Angabe dahin be- richtigen, dass nicht ,,eine Episode des Ac. de iüf.", sondern der ganze Ac. de M. die Quelle der Medecins volants ist.

Das weitere Vorkommen des Stoffes „Diener als Arzt" bei Moliere. Wenn der Stoff ,, Diener als Arzt" nun auch weiter in Moliere'schen Komödien erscheint, so ist gewiss dafür jedesmal in erster Linie Zurückgehen Moliere's auf seine eigene Bearbeitung desselben anzunehmen. Damit ist jedoch eine Beeinflussung dieser Stücke seitens anderer Formen des ,, Dieners als Arzt" keineswegs ausgeschlossen.

8. Le Docteur Amoureux. Ob zu diesen Komödien auch der Docteur Amoureux gehört mit welchem Mol. sich und seine Truppe am 24. Oktober 1658 beim König so vorteilhaft einführte, ^^) lässt sich nicht feststellen, da über den Inhalt des Stückes nichts bekannt ist. Möglich wäre es ja, dass der „verliebte Doctor" ein als Arzt verkleideter Verliebter ge- wesen, wie es Clitandre in L'Aniour Medecin ist.

9. L'Amour Medecin. Dies Lustspiel ist thatsächlich eine Variation zu dem Thema: „zu Liebeszwecken lingierte Krankheit^'') und Hilfe durch einen fingierten Arzt". Doch scheint es mir nicht so sehr von dem Acero de Madrid beeinflusst, wie das gewöhnlich angenommen wird.^^) Von vornherein steht in ihm den Liebenden in Lisette

") d. h. der Med. Vol. von Moliere und Boursault.

5*) Nämlich im Scenario Bartoli's.

5«) Vgl. Freres Parfaict, Hist. du th. fr. VIII (1746) p. 234.

*') Moliere lässt allerdings Lucinde nur an tiefer Melancholie leiden, diese aber durch Lisette Lucinde's Vater Sganarelle in den schwärzesten Farben malen.

'*) Am vorsichtigsten und richtigsten urteilte über L'Äm. Med. und Ac. de Madr. Mahrenboltz 1. c. 195 f. Doch giebt er den „ge-

Untersuchungen zu MoUere's Mcdecin malgre lui. 31

eiue Bundesg-enossin zur Seite, Sie ist es, die Clitandre auf die Idee bringt, als Arzt verkleidet sein Glück zu versuchen, und die ihn als solchen bei Sgan. einführt, Züge, die m. E. mehr an den Med. Vol. Moliere's als den Ac. de M. erinnern. Erwägt man dazu die Ersetzung des Dieners durch den Liebhaber selbst, die Ein- führung der wirklichen Doktoren, die ganz neue „glückliche Lösung" durch die augeblich nur tingierte, in der That aber giltig vollzogene Vermählung Clitandre's mit Lucinde, so wird man L'Amour Mededn als eine selbständige Ausgestaltung des Grundgedankens durch Moliere, mit dem Med. Vol. als Basis, aufzufassen geneigt sein.

Letzteres bestätigen auch Einzelzüge und -Wendungen, die schon im Med. Vol. vorhanden, in L'Am. Med. ebenfalls verwandt sind (und zum Teil auch im Med. m. lui erscheinen); vgl. z. B. 111,2 Lisette zum Dr. Tomes: Un insolent . . . qui, sans votre or- donnance, vient de tuer un komme, mit Mol. Med. Vol. 4, Med. m. l. 11,6 (auch Bours. sc. 7 und Dom. 's Arl. m. v. I). Vgl. ferner (111,5) das Betasten von Sgan. Puls (Clitandre, tätant le poids ä Sgan.: Votre fille est bien malade. Sgan. Vous connaissez cela ici? Clit. Oui, par la Sympathie qu'il y a entre le pere et la fille) mit Mol. Med. vol. 4 (auch Bours. sc. 11 und Dominique's Arl. m. v. I).

Direkt vorbildlich für den Med. m. lui (und zwar 111,6) ist von L^Am. Med. wohl nur 111,6 gewesen, in der Art nämlich, wie Lisette es den Liebenden möglich macht, sich zu verständigen, und wie der „Arzt'' den Vater Lucinde's veranlasst, ihm die Anwendung seines unfehlbaren Mittels bei der in ihren Liebesgedankeu hart- näckigen Kranken zu erlauben.

10. Le Medecin malgre lui.

Im Ganzen haben L'Am. Med. und M. m. l. nur die Grund- idee gemein, in deren Gestaltung sich der M. m. l. nicht sowohl an L'Am. Med., als durchaus au den Med. Volant anschllesst. Die Liebesintrigue des M. m. l. ist ganz die des Med. Vol.

Die Tochter, welche, dem unerwünschten Freier zu entgehen, Krankheit simuliert; der Arzt, der mit ihrem Liebhaber unter einer Decke steckt und den Liebenden zur Flucht verhilft; die Ent- larvung des Arztes; die Eückkehr der Liebenden nud die Aus- söhnung mit dem überlisteten Vater kehren zwar in allen Medecins Volants wieder. Dass Moliere sie aber für den Med. in. lui aus seinem Med. Vol. entlehnt hat, dieser also die direkte Quelle des M. m. l. ist, wird erwiesen dadurch, dass neben jenen all-

meinsamen Grundgedanken-' viel zu vag, wenn er ihn dahin bestimmt, dass eine Liehesh-anlcc durch Vereinigung mit dem Geliebten geheilt wird. Er hätte wenigstens hinzufügen müssen, dass die Liebeskranke ander- weitige Krankheit simuliert. Aber auch dies genügt noch nicht, Abhängig- keit des einen Stückes vom andern zu erweisen, siehe Anmerkung 53.

32 August Kugel.

ftenieinen Elementen im 31. m. l. auch Details erscheinen, die Müliere in der Form, welche sie im M. m. l. haben, nur in seinem Med. Vol. fand.

Den genauen Nachweis des aus dem Med. Mol. Entlelinten setze ich noch aus, um später, was erst nach Untersuchung der anderen Quellenklasse möglich sein wird, gleich die Frage, wie Moliere das vom Med. Vol. Gebotene benutzte, mit erledigen zu können. So viel dürfte aber schon ersichtlich geworden sein, dass Despois, der zwar soviel sah, dass Moliere den M. V. für den M. m. l. benutzt hat, doch irrt, wenn er bloss meint: H y a quelques phrases et quelques incidents de la premiere [sc. piece = Med. Vol.] qui nous sont conserves dans le Medecin malgre lui.^^)

11. Le Malade Imaginaire. Noch ist schliesslich des Mal. Im. zu gedenken ; auch in ihm tritt ja ein fingierter Arzt auf, Toinette. Aber er hat es nicht mit simulierter, sondern eben mit eingebildeter Krankheit zu thun, und seine Absicht ist nicht, den Liebeshandel der Tochter Argan's zu fördern, sondern Argan von seiner Einbildung zu heilen. Dieser fingierte Arzt ist nur mehr ein schwacher Nachklang des Med. Vol., und zudem ist er für die Handlung des Stückes von geringer Be- deutung. Man könnte die Scene, wo Toinette als Arzt auftritt, streichen und das Stück würde nichts, was in ihm nötig ist, ver- missen lassen. Toinette selbst ist sozusagen eine Mischung aus Sabine {Med. Vol.\ Jacqueline {M. m. l.) und Lisette {Am. Med) einerseits, dem „Arzte" Sganarelle andererseits. Vgl. ^Med. vol. 1:4 mit Mal. Im. 1,10, 11,1 ;2; Am. Med. 111,6, Med. Im. II,3;6.

b. Die Gruppe: Arzt aus Zwang. Als das andere Element, das zum 3Ied. m. lui als Hauptquelle beigetragen habe, ohne dass sich jedoch eine seiner Erscheinungs- formen ganz mit ihm deckte, bezeichnete ich eine Gruppe von Er- zählungen mit dem Grundgedanken: „Einer wirklichen Krankheit tritt eine Person, die nicht von Beruf Arzt ist, gegenüber und erzielt wirkliche Heilung.* Diese ganz allg. Fassung, zu der die Verschiedenheit der unter sie fallenden Erzählungen nötigt, bedarf näherer Bestimmung, um in Bezug auf den M. m. l. verständlich zu werden, enthält letzterer doch weder eine wirkliche Krankheit noch eine wirkliche Heilung. Sie wird verständlich, sowie man sich des Titels der Moliere'schen Komödie und der starken Betonung, die das Fableau du Vilain Mire bisher in der Quellenfrage gefunden hat, erinnert. Es fallen nämlich unter die allg. Fassung auch Formen,

^') cf. Oeuvres de Mol. p. p. Despois. N. E. 1,12; vgl. auch 1,50; VI.17.

Untersuchungen zu Moliere's Medecin mälgre lui. 38

in denen der „Arzt" gezwungen wird, als Arzt zu fungieren; ja, sie sind die wichtigste Variante und deshalb habe ich die ganze Gruppe nach ihnen genannt. Eine solche Form hat aber den M. m. l. ohne Zweifel stark beeinflusst. Festzustellen, welche das gewesen ist, und wie Meliere sie benutzt hat, ist das eine Ziel, dem die Untersuchung dieser Gruppe zustrebt ; die Aufhellung der Geschichte der Gruppe ist das andere Ziel.

Auf welche Züge in den einzelnen Versionen dabei besonders zu achten ist, ergiebt folgende Zusammenstellung: Die Krankheit ist gewöhnlich ein Halsleiden. Die Person des Kranken wechselt; meist ist es ein junges Mädchen. Der „Arzt" heilt zumeist durch Lachen. Sein eigentlicher Beruf wird verschieden angegeben. Er tritt selten freiwillig (aus Geldgier), meist unfreiwillig als Arzt auf. Im letzteren Fall hat ihn eine dritte Person (ihr Motiv ist fast immer Rache; einmal Geldgier?) als Arzt ausgegeben, und er lässt sich nun entweder durch Zureden bestimmen, als Arzt zu fungieren, oder er muss (dies die speciell für den M. m. l. wichtige Form) durch äussere Mittel (Prügel) dazu gezwungen werden.

Häufig tritt zur Heilung durch Lachen noch eine zweite. Sie wird durch Furcht erzielt, ist aber nur eine angebliche. Beide Heilungen treten auch als selbständige Erzählungen auf.***) Die an- geführten Züge aber vermischen sich, wie es bei einem verbreiteten und beliebten Stoff nicht anders denkbar ist, mit einander wie mit anderen Elementen und gestalten sich mannigfach um.

Folgende Erzählungen zur Gruppe „Arzt aus Zwang" sind mir bekannt geworden:

«) Orientalische Form:

1. Die 40. Erzählung der Qukasaptati.

ß) Occidentalische Formen: a) im westlichen Teil des Occidents:

2. Das FaUeau du Vilain Mire.

3. Die Version der Compilatio singularis exemplorum.

4. des Jacques de Vitry.

5. der Mensa pJiilosophica.

6. des Nicole Bozen.

7. Die Grillo-Versionen.

8. Die Version des G. Bouchet.

9. Straparola V, 1. Der bask. „Dodeur." Belphegor,

*") Auf die zweite Heilung ist, da sie im 31. m. l. nicht mit er- scheint, im Text fast nur da eingegangen, wo sie mit der ersten zusammen auftritt. Für ihre selbstdg. Formen vgl. man die Anlage I: 3 Zur n. Episode des Vilain Mire."

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XX'. 3

34 August Kugel.

b) im östlichen Teil des Occidents:

10. Das lit. Märchen „vom Häusler, der ein Doktor ward.'^

11. Die Version des Olearius.

Folgende Versionen angeblich gleichen Inhalts konnte ich nicht erlangen :

1. eine riiss. volkst. Erzählung,"') cit. v. Raynaud, im Becueil general . . des fdbliaux III, 379.

2. eine Version des Grotius, cit. v. Bret u. a."^)

3. einen Medico a palos, cit. v. Ticknor, Gesch. der schön. Litt, in Spanien, dtsch. von Julius, II, 579."^)

^*) Die Vers, soll nach Raynaud im Figaro vom 27. Mai 1877 erschienen sein, war jedoch weder hier, noch überhaupt in den Jahrggn 1876. 77. 78, die Herr A. Maire, Bibliothekar an der Sorbonne, für mich durchzusehen die Güte hatte, zu finden. Da auch der von Raynaud s. Zt. {Bomania Bd. VIII) angekündigte Aufsatz Lcs fableaux franrais dans Ja litt. 2iopid. russe m. W. nicht erschienen ist, muss ich mich bei jenem negativen Resultat der Nachforschungen bescheiden.

«^) M. W. weist zuerst M. Bret {Oeuvr. d. Mol. p. p. M. Bret, P. 1773, t. IV, p. 3) auf eine dem M. m. l. stoffverwandte .relation du fameux Grotius' hin. Le Grand d'Aussy [Fahl. 1779. I, 410; 1829 III, 12), Le Giere, Eist. litt. XXIII, 179, Dunlop-Liebrecht, Prosa- dicht, p. 207, u. a. wiederholen diese Angabe einfach. Nur spricht Le Clerc wenigstens von einem .docte ouvrage latin'' des Grotius. Gemeint ist wohl Henricus Grotius. Oder Luigi Groto? Ich habe die Rel. aber weder beim einen noch beim andern linden können.

^3) Am angegeb. Orte meint N. H. Julius (oder F. Wolff?) in der Anm. 5, Mol. habe im M. vi. l. neben dem Acero de Madrid noch einen älteren (also vor 1603 vf.?) „Medico a palos'' benutzt, entw. direkt oder indirekt durch einen auf dem Theätre de la Foire aufgeführten Medecin Volant, „der eine Nachahmung dieses Medico a palos gewesen." Wilke [Ce que Mol. doit aux anc. poet. frg., p. 10) hat nach diesem Med. a palos eifrig, jedoch vergeblich gesucht, scheint aber trotzdem Julius' Ausgabe als richtig anzusehen. Ich habe die bibliogr. und litterarhist. Hilfsmittel nochmals nach dem Med. a palos durchforscht. Es war ebenso vergeblich, wie auch meine Anfragen bei Bibliotheken nur verneinend beantwortet werden konnten. Ich glaube aber bis zum Beweis des Gegenteils einen Irrtum von Julius annehmen zu dürfen. Julius hat wolü Moratin's Pseudonyme Bearbeitung des 31. vi. l. unter dem Titel: „El viedico a palos" eben nur nach dem Titel gekannt, für ein altes Stück gehalten und zu schnell als , Quelle Molieres' angesetzt. [Moratin's Bearbeitung ist betitelt: El Medico a Pcdos, coviedia por Inarco Celenico {= Moratin), imitada de Moliere: El Medico per Fiierza. Madrid 1814. Nouv. Ed. Bordeaux 1836. Auch in den Oeuvr. de Moratin, Paris, Bändig, 1838. Vgl. Lacroix, Bihl. Mol.'' No. 619]. In meiner Annahme bestärkt mich die eigentümliche Zusammenstellung des Med. a Palos mit einem Med. Volant. Sie scheint mir eine ähnliche Verwechslung wie die erwähnten Le Clerc'schen Vermengungen von Arlecchino Medico Volants und Lavoratore Grillo, sowie von Acero de Madrid und Vilain Mire.

Untersuchungen zu MoUere's Medccin malgre lui. 35

«. Die orientalisclie Form. 1. Die 40. Erzählung der Qukasaptati. Die 40. Erzälilung der Cuk. ist die älteste Form der Gruppe „Arzt aus Zwang." Benfey, der sie zuerst dem Vilain mire näherte und für die Quelle des Schwankes vom Arzt wider Willen erklärte,"*) kannte sie nur aus Galanos' neugriech. Uebersetzung eines neuind. Papageienbuches.®*) Wenigstens ist die Erzählung, die er gibt, nur eine Uebertragung des Galanos'schen Textes ins Deutsche. Erst neuerdings ist von R. Schmidt ein Sanskrittext der guJc. und eine Uebers. desselben ins Deutsche veröffentlicht worden."") Es sei ge- stattet, die Erz. der Qik. hier in Schmidt's Uebersetzung der alten Sanskritform zu reproducieren."')

„Es gibt eine Stadt namens Pancapura. Dort lebte ein König namens Qatruynardana. Seine Tochter Madanarekha bekam am Halse ein Geschwür und lourcle von den Aerzten als unheilbar auf- gegeben. Da Hess der König unter Trommelschall bekannt machen: Wer auch immer meine Tochter heilt, den will ich reich machen. Das hönie die Frau eines Brahmanen, die aus einem anderen Dorf gekommen ivar, und berührte die Trommel. Nachdem sie die Trommel berührt hatte, sprach sie: Mein Mann ist ein Beschwörer, der wird die Königstochter gesund machen. Da ivurde er von den Leuten des Königs herbeigeholt, und wie er hingeführt wurde, sagte die Frau: Herr, gehe (getrost) in die Stadt; wenn du die Königstochter gesund machst, wird dir reicher Lohn werden. [Wie soll er nun bestehen, da er, in den Kreis getreten, Zaubersprüche u. s. w. nicht kanntet So lautet die Frage. Der Papagei gab die Antwort:] Als der Be- schwörer alle Ceremonien eines Acarya vollzogen hatte, sprach er folgenden Zauberspruch :

Woher sollte ich ein Heilmittel wissen? Mich drückt selbst das Unglück. Geniesse das Glück deiner guten Tliaten "**)

**) Pantschatantm, Lpz. 1859, I. 515 ff. vgl. oben S. 4. Benfey selbst erkannte aber schon richtig, dass die 40. Erz. der Quk. die Ver- kürzung einer älteren Form sein muss.

*5) WiTTaxov /.ivdoXoytui vvxrsQirai, angefügt an Galanos' Hito- padesaübers (bsg. von Typaldos, Athen 1851).

**) Äbh. f. d. Kunde d. Morgenl, hsg. von Windisch, Bd. X, No. 1: Die Quk. {Textus simplieior) hsg. v. R. Schmidt. Lpz. 1893. Die Quk., übs. von R. Schmidt (Text simpl.), Kiel 1894.

^') Die CJuk. übers, von R. Schm., S. 59. Die Erzählung soll Prabhavati als Beispiel der Geistesgegenwart dienen; der Papagei be- ginnt sie: Hecht ist es, Herrin, dass Du gehst, falls Du, dorthin gelangt, in der Verlegenheit etwas Ordentliches su sagen weisst ivie der Brahmane."

"^) Die Worte der , Beschwörung', eine lückenhafte und zusammen- hangslose Beschreibung einer üppigen Waldscenerie, lasse ich weg.

3*

36 August Kugel.

Als der Brahmane so sprach, lachte die Königstochter , und infolge der hastigen Bewegung bei dem Lachen ging das Halsgeschwür auf; dadurch ivard der Königstochter ivohl. Der Brahm. wurde von dem Herrscher zufrieden gestellt und ging in seine Wohnung."'

Galanos' Fassung unterscheidet sich hiervon nur durch be- deutungslose Abweichungen, M'ie sie das Fortleben der Erzählung mit sich bringen musste, z. B. hie und da ein breiteres Ausmalen.

Die Orient. Erzählung bietet also, mit dem abstrahierten ,Kem' übereinstimmend: Heilung einer Person (Königstochter) von wirkl. Krankheit (Halsgeschwür) durch einen Nichtarzt (Brahm.), der von einer dritten Person (seiner Frau) als Arzt ausgegeben und aufzutreten veranlasst wird und die Kur vollbringt (das Geschwür durch Lachen platzen macht).

Stimmt sie soweit, wie wir sehen werden, auch zur Mehrzahl der occideut. Fassungen, so weicht sie von diesen in zwei wichtigen Punkten ab. Das Motiv der Frau scheint Geldgier zu sein, und der Mann lässt sich durch Zureden bestimmen, den Arzt zu spielen. Ob die Orient, und die occident. Erzählungen nicht trotzdem identisch sind, kann erst nach genauer Feststellung aller Ueberein- stimmungen und Verschiedenheiten zur Entscheidung kommen. Doch seien schon hier die Momente angeschlossen, die sich aus der Ge- schichte der Quk., soweit diese bekannt ist, für oder gegen die Wanderung der Erzählung vom Orient zum Occident ergeben.

Von den nicht sehr zahlreichen Sanskritmanuskripten der (^uk., die man kennt imd die K. Schmidt in einen Textus simplicior und einen Textus ornatior scheidet,^**) enthält nur der T. S. unsere Erzählung.'") Wie der ganze T. S. in seiner für derartige Sans- kritwerke aulfälligen Kürze und Schmucklosigkeit sich als Auszug aus einem umfangreichen Werk charakterisiert, so ist sicher auch die 40. Erz. der Quk. aus einer ausführlicheren Form zusammenge- strichen (vgl. Anra. 64). In Indien hat diese verkürzte Form fortgelebt und ist noch (vgl. Galanos) in den neuind. Papageienbüchern enthalten.

Nach Benfey's Annahme {Pantsch. I, 515) wäre nun die 40. Erz. der Quh. „zvohl unzweifelhaft in das [für uns verlorene?] älteste persische Tütinameh ühergegangen," das bekanntlich für Benfey das grosse Sammelbecken mehrerer oriental. Erzählungsströme ist, dem y^der Occident die Mehrzahl seiner Novellen- u. ä. Stoffe verdanM"',''^)

9») R. Schmidt, 4 Erg. aus der Quk. (Diss.) Kiel 1890. S. 9.

'«) Vgl. die Tabelle in R. Schmidt's Ausg. der Quk., S. VIII. IX. Uebrigens fehlt sie danach auch in einer allerdings sehr schlechten Hs. (P) des T. S.

") Pantsch. I 25. Vgl. auch Benfey, Gott. Gel. Anz. 1858, I, 553 ff. und Pertsch, Z. d. D. M. G. XXI, 515.

Untersuchungen zu MoUere^s Medecin malgre lui. 37

und aus diesem wäre sie nach dem Occid. gelangt. Bis die Auf- findung oder die Rekonstruktion des ersten pers. Pap. -Buches ge- glückt ist, bleibt Benfey's Annahme natürlich Hypothese. Sie würde sehr an Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn die jüngeren, uns erhaltenen Papageienbücher, die von jenem anscheinend ver- lorenen abstammen, die 40. Erz. der (^uk. noch enthielten. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Erz. fehlt vielmehr ebenso im 2. pers. Tütmämeh des Nachschahi wie im Tütlnämeh des türh. Anonymus und in der 3. pers. Bearbeitung des Pap. -Buches durch Kadiri.

Ungleich Kalilah und Dininah und anderen Werken Orient. Erzählungskunst hat die QuJc, so viel man bis jetzt weiss, im Mittelalter Ueberführung in den Occid. durch eine Gesamtübersetzaug oder -Bearbeitung nicht erfahren. Trotzdem linden sich schon im Ma. Stoffe, die auf die Quk. zurückgehen, ja selbst Benutzung ihres Rahmens,") so dass ihr Einfluss auf die occid. Litt, des Ma. nicht zu bezweifeln ist. Ebenso ist sicher, dass sie auf die östlichen Litteraturen Einfluss geübt hat. Selbst wenn man also von der trotz Bedier's Angriffen feststehenden beträchtlichen Wanderung Orient. Stoffe überhaupt in den Occid. ganz absieht, die doch, was für einige Erzählungen bewiesen ist, auch für andere anzunehmen erlaubt, selbst dann ergibt die Geschichte der ^uk. allein noch, dass die 40. Erz. recht wohl wie ihre Schwestern nach dem Orient hätte wandern und dort neue Formen gebären können.

Freilich vermissen wir noch heute wie s, Zt. Benfey den Nachweis schriftlich flxierter Formen aus dem langen Zeitraum, der die Quk. von den Versionen des XIII. Jh. trennt.

ß. Die occidentalischen Versionen des Arztes aus Zwang, a. Im westlichen Teil des Occidents. Von den occident. Versionen (die Erz. der ^uJc. ist, abgesehen von ihrer neaind. Fassung und deren Uebertragung, bis jetzt die einzige bekannte crient. Form) reicht nämlich keine über das XIII. Jahrh. zurück. In diesem erscheinen jedoch, was sehr zu beachten ist, gleich drei Versionen: das Fableau du Vüain Mire, die Er- zählung der Compilatio Singularis Exemplorum von Tours und das Exemplum des Jacques de Vitry. Ausser der zeitlichen Nähe haben diese drei Versionen zwei wichtige, sie von der Cuk. scheidende, dem M. m. l. aber annähernde Züge gemein: dass näm- lich Rache für empfangene Prügel das Motiv ist, weshalb die Frau ihren Mann als Arzt ausgibt, und dass der Mann ihrer Rache ver- fällt, d. h. ebenfalls geprügelt werden muss, ehe er als Arzt

^^) cf. Landau, Quellen des Dekameron^ 89 97. '3) cf. Jülg, Mongol. Märchen, 1868, p. IX. X. XV. ") in „Les FahUaux.' P. 1893. 2me :^d. 1895.

38 August Kugel.

fangiert, dass er also „Arzt aus Zwang" ist. Zwei von ihnen, das Fabl. und die Compil Sing., haben wie die Qick. die kranke (hals- leidende) Königstochter, die durch Lachen geheilt wird, fügen aber an die erste noch eine zweite, nur angebliche Heilung durch Furcht. Jacq. de Vitry hat als Kranken den „König", aber weder Krank- heit noch Heilung werden geschildert. Seine Exempelsaramlung enthält die II. Heilung auch, aber von der ersten getrennt als selbständige Erzählung. Mit seinem „König als Kranken" steht J. de Vitry der ^uk. jedenfalls ferner als die beiden anderen Fassungen aus dem XIII. Jh. Ich stelle ihm dieselben deshalb voran.

2. Das Fableau du Vilain Mire.

Von den beiden Formen: Fabl. und Compil. Sing, ist das Fableau die ausführlichere und, wie ich glaube, auch die ältere. So lange und oft als direkte Quelle des M. m. l. angesehen, er- fordert der Vilain Mire eingehende Berücksichtigung. Trotzdem das Fabl. selbst nicht schwer zu erlangen ist, gebe ich seinen In- halt hier noch einmal ausführlicher wieder, um schnelles Vergleichen nach vor- und rückwärts zu ermöglichen. Man thut gut, dabei mit Crane {Exempla of J. de Vitry, London 1890, p. 282) das Fabl. in 3 Episoden zu teilen, deren erste den Zwist der Eheleute und die Bezeichnung des Mannes als Arzt, deren zweite die erste Heilung, deren dritte die zweite Heilung umfasst. (Die Quk. Mäirde, analog betrachtet, Epis. 1 und 2 enthalten). Der Inhalt des Fabl. ist nun folgender:")

1. Episode. Ein reicher, aber geiziger Bauer heiratet auf Drängen seiner Freunde die Tochter eines armen Edelmanns, die ihn zwar nicht gern, aber der guten Versorgung wegen doch ohne

^5) Hss: A. Paris, B. N., f. fr. 837. B. Bern No. 354. C. Brit. Mus. ms. Hamilton 257. fol. 11 d— 13 c. A stammt aus d. Ende des XIII. Jh. cf. P. Paris, les man. fr. de la BiU. du Rot. T. VI (1845), p. 404. B. steht in einem im 13. u. 14. Jh. geschr. Sammelbd., der im Bes. des Henricus Stephanus war, vgl. Sinner, Catal. codic. msc. Bibl. Bern. III (1772) p. 375. Zu C. vergl. Montaiglon-Raynaud, Becueil gen. des fabl. VI, 274. Ausgaben: Barbazan, Fabl. et Contes . . . P. 1756. I 1. Meon, Fabl. et Contes . . P. 1808. III 1—13. Le Grand dAussy, Fabl. oic Contes . . . P., Renouard, 1829. III. App. 1 5. Montaiglon et Raynaud, Rec. gen. et compl. des fabl. T. III (P. 1878.) p. 370—378. Mahrenholtz' Angabe, der Vil. Mire seji 1581 zu Paris gedruckt worden, ist irrig, vgl. oben S. 2, Anni. 9. Ich eitlere nach dem Druck des Vil. Mire bei Mol and, Oeuvr. de MoU VIII 83—91. Analysen: bei Le Grand dAussy, Fabl. 1829. III 1— II. Hist. litt. XXm. 196/7. Benfey, Pantsch, l. § 2!2. S. 515 ff. (diese nach Le Grand d'Aussy; Bf. fasst aber Braie im Nebentitel: Le Medecin de Braie irrtümlich als Ortsnamen auf). Laun, Mol. mit dtsch. Comm. IX, 4. 5 (sehr kurz) u. a.

Untersuchungen zu Möliere''s Mcdecin malgre lui. 39

langes Sträuben nimmt.'") Kurz nach der Hochzeit will der Bauer, wie er's trotz seines Reichtums stets gethan, wieder aufs Feld gehen und dort wie früher den ganzen Tag arbeiten, Da fällt ihm bei, dass die junge Frau, in ritterlichen Sitten und Unsitten aufge- wachsen, seine Abwesenheit wohl dazu benützen würde, sich mit irgend einem ,vassaP oder auch dem ,chapelai)i'' die Zeit zu ver- treiben. Um ihr das zu verleiden, verfällt er auf ein seltsames Mittel: „Ich prügele sie des Morgens, ehe ich fortgehe, dann weint sie tagsüber und denkt nicht an Liebeleien. Des Abends bitte ich sie um Verzeihung, und sie wird dann schon wieder freundlich zu mir sein." Gedacht, gethan. Wie nun aber am zweiten Tage die Frau weinend daheim sitzt, erscheinen zwei Königsboten, an ihren weissen Rossen als solche kenntlich, grüssen sie, steigen ab und erbitten Speise und Trank, Freundlich bewirtet, erzählen sie der neugierigen- Frau, sie wären auf dem Wege nach England (passer devons en Engleterre, 142),") um dort nach einem Arzt für die Königstochter, Demoiselle Ade, zu suchen. Der sei eine Fischgräte im Halse stecken geblieben, so dass sie weder essen noch trinken könne. Da kommt der Frau der Gedanke: „Das ist ja eine herr- liche Gelegenheit, deinen Mann auch einmal fühlen zu lassen, wie Prügel thun!" Ihr Plan ist schnell gefasst und wird sofort ins Werk gesetzt. „Den W^eg nach England könnt ihr euch sparen," sagt sie den Boten. „Denn ihr habt's gut getroffen. Mein eigener Mann ist ein .hons mires' (154), der ,certes . . scet plus de mecines et de vrais jugemens d'orines que onques ne sot Ypocras'^ (155 157). Aber er hat die Eigentümlichkeit, seine Kunst nur auszuüben, wenn er durch Prügel dazu gezwungen wird. Ihn nehmt mit euch." Natürlich sind die Boten froh über diese rasche Beendigung ihrer Reise und gern bereit, den Bauer so viel als nötig zu prügeln. Nach der Anweisung der Frau haben sie den vermeintlichen Arzt bald bei seinem Pfluge gefunden. Sie begrüssen ihn respektvoll und fordern ihn auf, seine Kunst bei Ade zu erweisen. Als er erstaunt und heftig versichert, kein Arzt zu sein, bringen sie ihn schnell durch Prügel zum Schweigen und führen ihn dann auf ihren Rossen mit zum König.

2. Episode. Aber auch vor dem König bleibt der Bauer, freilich zitternd und zagend, bei der Behauptung, kein Arzt zu sein: „De fisique ne sai rien^ (220). Von neuem geschlagen, verspricht er endlich, die Königstochter zu heilen. Man führt sie ,et tainte

^*) Ueber die Geschicklichkeit, mit welcher der Trouveur den Schwank besonders in dieser Einleitung zeitgemäss gestaltet, äussert sich treffend Benfey, Pantsch. 1, 517. 518.

'^) Laun, 1. c. p. 4, macht aus ihnen irrtümlich Boten des Königs von England.

40 August Kicgel.

et pale' (230) dem , Arzte' zu, der verzweifelt nachsinnt, wie er sie kurieren könnte: ,Quar il sgait bien que ä garir li convient il ou ä mourir.'' (223/4). Zum Glück fällt ihm ein Mittel bei: „Du musst die Königstochter zu heftigem Lachen bringen, dann wird die Gräte, die ja nicht tief gedrungen ist, ihr aus dem Halse springen, nnd sie geheilt sein." Er lässt nnn ein grosses Feuer anzünden, setzt sich, nachdem alle, auch der König, sich entfernt haben, da- neben, entkleidet sich und beginnt sich aus Leibeskräften zu kratzen (schlimmer als die Leute von Samur, 256/7). Darüber muss Ade auch so lachen, dass die Gräte aus ihrem Halse bis ins Feuer springt. Triumphierend trägt nun der Bauer die Gräte zum König, der ihn reich beschenkt und in seine Dienste zu nehmen wünscht.

3. Episode. Der Bauer will jedoch aus Sorge um sein Haus- wesen nicht bleiben. Durch nochmalige Prügel dazu bewogen, hofft er wenigstens von weiteren Proben ärztlicher Kunst verschont zu werden. Aber schon haben die Kranken des Landes von der Wunderkur gehört. Mehr als achtzig, kommen sie wehklagend und Heilung erflehend zum König. Der befiehlt natürlich dem Wunder- doktor, sie zu heilen, und jetzt genügt schon die Drohung erneuter Prügel dazu, die Zustimmung des Bauern zu erlangen. Er heisst wiederum ein grosses Feuer im Saale anzünden und den König und alle Gesunden sich entfernen. Dann wendet er sich also zu den Kranken: ,,Euch alle zu heilen ist nicht leicht. Es geht nur, wenn ich den Kränksten von euch in diesem Feuer zu Asche (Pulver) verbrenne und diese die andern einnehmen lasse, die dann sofort geheilt sein werden." Aber als er nun daran geht, den Kränksten auszusuchen, ist keiner, der und sei's ,por Normendie' zugäbe, der kränkste zu sein. Vielmehr behauptet jeder, wieder ganz ge- sund zu sein, und folgt gern dem barschen Gebot des Arztes, sich dann zu scheeren. Auch dem König, der an der Thür des Saales wartet, versichern alle, geheilt zu sein, und in kurzem ist der Saal geleert. Hoch erstaunt über des Arztes seltene Kunst, beschenkt ihn der König wieder aufs reichste und lässt sich von ihm ver- sprechen, ihm auch ferner Arztdienste zu leisten. Dann nimmt das Bäuerlein Urlaub und kehrt heim, geheilt von Geiz und Eifersucht und, dank der Rache seiner Frau, die er von jetzt ab nur liebevoll behandelt, wie dank seiner Schlauheit und Geistesgegenwart zum berülimten Arzte geworden:

Ainsi ala com je vous di:

Par sa fame, et par sa voisdie

Fu h'ons mestres, et sans clergie. (390—392).

Untersuchungen zu MoUere's Medecin malgrc lui. 41

Es erweisen sich hiernach der Vil. Mire und die 40. Erz. der ^uk. von grosser Aehnliclikeit. Wirklich verschieden ist das Fabl. von letzterer durch die Züge ,Eacheniotiv' und ,Arzt aus Zwang', sowie durch die Anhängung der 3. Episode und natürlich die land- und zeitgemässe Umgestaltung. Die anderen Abweichungen (Geschwür im Hals, QuJc. - Gräte im Hals, Fabl.; Erregung des Lachens durch sinnlose Worte und Ceremonien, QmJc. durch sonderbare Vorkehrungen und unanständige Gesten, Fahl.) sind im Grunde dieselben Züge und verhalten sich wie Ursprüngliches zu Sekundärem.

An den M. m. l. klingen im Fabl., um hier nur das Wich- tigste herauszuheben, sofort folgende Züge an: das Eachemotiv, die einen Arzt suchenden Boten, der Arzt infolge von Prügeln, die Kranke ein junges Mädchen, ihre Krankheit ein Halsleiden, der glückliche Ausgang des Auftretens als Arzt.

Wo und wann ist das Fableau wohl entstanden? Als seine Heimat ist vielleicht die Touraine anzusehen (man beachte die Ortsnamen: Samur, Normendie und Engleterre im jeweiligen Zu- sammenhang, und vgl. unten S. 42 das aus Anlass der Conqnl. Sing, von Tours Gesagte), als Entstehungszeit das 1. Drittel des XIII. Jahrh. Ich komme zu letzterer Annahme dadurch, dass sich in den deutschen „Pfaffen Ämts^', der vor 1236 verfasst ist, die 2. Heilung (3. Epis.) in einer Form eingefügt findet, die m. E. nur eine Nachahmung des Fabl. sein kann. Bei fast gleicher Verszahl wird dort die Heilung in ganz gleicher Weise erzählt. Was differiert, ist sekundäre, die Heilung dem Pfaffen Amis an- passende Umformung. Meine Annahme würde auch dem gewöhn- lichen Verhältnis der Wanderung von Schwank- u. ä. Stoffen aus Frankreich nach Deutschland durchaus entsprechen. Setze ich so- mit die Abfassung des Fableaus vor 1236, ins erste Drittel des XIII. Jh., so kann sein Stoff natürlich schon länger in Europa im Volksmund als Erzählung gelebt haben, ehe ihn der Verf. des Vil. Mire in poetisches Gewand kleidete, vorausgesetzt, dass ihn der Trouveur überhaupt aus dem Volksmund geschöpft hat, was ich allerdings mit Crane, Ex. of J. de Vitry, p. 232, annehmen möchte. 3. Die Compilatio Singularis Exemplorum.

Mehrfach haben geistliche Autoren sich des unterhaltenden Schwankes für ihre Exempelsammlungen bemächtigt, so der Verf. der Compil. Sing. Ex. von Tours, die leider bisher nur auszugsweise publiziert ist.'**) Nach Delisle's Ansicht ist diese Sammlung von

78) von Delisle, mbl de VEcole des Chartes. XXIX (1868), Gme Serie, 4nie tome, p. 598 suiv. (Dies Ex. p. 601). Sie ist in e. Ms. aus dem 15. Jh. (Bibl. von Tours No. 468, früher 205) und e. Copie dess. aus dem 17. Jh.. B. N. Coli. Baluze. tome 77, fol. 169 if.. erhalten.

42 August Kugel.

einem Dominikaner, der besonders die Touraine, Maine und Anjou kannte, in der 2. Hälfte des XIII. Jlid., etwa zw. 1267 u. 1297 verfasst.'^) Sie wäre also jünger als des 1240 verstorb. J. de Vitry Exempla, ist diesen aber voranzustellen, weil sie eine ältere Form des Stoffes bietet. Sie hat mit J. de Vitry nichts als die Grundzüge gemein. Dagegen trägt sie in der Vereinigung der drei Episoden, im Gange der Handlung und auch in den Details eine fast aufdringliche Uebereiustimmung mit dem Fahl, du Vil. Mire zur Schau, wenn sie sich auch, wie es bei Exempeln Brauch war, der Kürze befleissigt und manches, was der Hörer oder Leser leicht ergänzen konnte, oder was dem Vf. von seinem Standpunkt aus unwesentlich erschien,**") weglässt. Man vergleiche: „1. Epis. Die Frau M'ird von ihrem Mann alle Tage geschlagen. Königsboten treffen sie an und erzählen ihr von der Königstochter, der eine Gräte im Halse stecken geblieben. Sie schlägt ihren Mann als Arzt vor, und er wird unter Prügeln ins Schloss gebracht. 2. Ep. Dort bringt er neben einem grossen Feuer und in Abwesenheit des Königs die Königstochter durch Kratzen seines nackten Körpers so zum Lachen, dass ihr die Gräte aus dem Halse springt. 3. Ep. Dann wird er wie im Fabl. zur 2. Heilung gezwungen und ver- richtet sie ebenso wie dort. Danach kehrt er zu seiner Frau zurück und behandelt sie hinfort gut."

P. Meyer ist im Zweifel, ob diese Redaktion die Quelle oder das Resume des Vil. Mire sei, er meint wohl eher ersteres.^') Da ich das Fabl. in das 1. Drittel des XIII. Jh. setze, müsste ich schon infolge- dessen in der Comp. Sing, ein Resume des Vil. Mire sehen, auch w'enn mir die Version der Comp, nicht an sich, wie sie es thut, den Ein- druck einer getreuen, nur kürzenden Copie des Fabl. machte. Beide entstammen sie der Touraine. Dort, in seiner französ. Heimat (wie ich meine), wird das Fabl. besonders beliebt gewesen und be- sonders treu bewahrt worden sein. Dort hörte es der Bruder Dominikaner und verleibte es mit geringer Kürzung als eines der „exempla quae . . . ab narrantibus audita sunt,'' der Compil. Singul. ein.

Ist das von Dunlop-Liebrecht^ 273 u. Anm. 348a sowie Benfej', Pantsch. I 525 erwähnte „verlor. Ms. der Bibl. de St. Martin de Tours"- vielleicht mit diesem Ms. 468 (205) der Bibl. von Tours identisch?

^9) Delisle, 1. c. 603. 604

•***) So war ihm gleichgiltig, weshalb der Bauer seine Frau schlug, und er liess das fort.

*') Les Contes moralises de Nicole Bozon, p. p. Smith et P. Meyer, P. 1889. p. 247. „Cette redaction est la source oic peut-etre le resuint du V ilain Mire.'^

Untersuchungen su Moliere^s Medecin malgre lui. 43

4. J. de Vitry. Wie schon g'esagt, charakterisiert sich die Version des Erz- bischofs J. de Vitry, trotzdem sie zeitlich der Compil. Sing, vor- angeht, dem Inhalt nach als jüngere Form. J. de Vitry berichtet die 1. u. 2. Epis. im Exempl. CCXXXVII in einer Fassung, die von der des Vü. Mire stark und noch stärker von der der CJukas. abweicht.^2)

Gemeinsam haben Fahl, und J. de V. der (Juk. gegenüber das ,, Rachemotiv" und den ,,Arzt infolge von Prügeln". Von ein- ander scheiden sie sich, indem bei J. de V. die Frau ihren Mann durch beständigen Widerspruch dazu reizt, sie zu prügeln, ^3) zweitens der Kranke nicht des Königs Tochter, sondern der König selbst ist (was ihm fehlt, bleibt ungesagt), und drittens der Bauer trotz aller Prügel dabei bleibt, er sei kein Arzt, und er deshalb aus dem Schloss geworfen wird, also auch die Heilung ausfällt. Die Ur- sache dieser Abweichungen und der offenbar gewollten Kürze bei J. de V. ist nichts als der Umstand, dass er dem Stoff", der im Fabl. nur zu erheiternder Unterhaltung dienen soll, eine mural. Tendenz untergelegt hat. Er soll ein Beispiel sein für „die Schlechtigkeit der Frauen". Zu dieser Tendenz stimmt völlig der veränderte Eingang und der plötzliche Schluss, sowie der geringe Wert, der auf die Krankheit und Heilung gelegt ist.

Den angegebenen Zügen nach könnte Vitry's Exemplum wohl das Fabl. noch zur Quelle haben. Aber eine noch nicht her- vorgehobene, vielmehr an die Qiik. erinnernde Abweichung vom Vü. Mire macht mir einen solchen Zusammenhang doch unwahr- scheinlich. Die Frau hört nämlich wie ? sagt J. de V. nicht von des Königs Krankheit, geht daraufhin ins Schloss und gibt ihren Mann als Arzt an, der den König heilen könne. Dann erst kommen die Boten des Königs und holen ihn.

Es ist bereits erwähnt worden, dass Vitry's Sammlung auch die 2. Heilung {■= 3. Epis.), aber als selbständige Erzählung [Ex. CCLIV) enthält. Auch sie ist tendenziös umgestaltet, doch erfolgt die angebliche Heilung ebenso wie im Fableau, J. de Vitry be- zeichnete beide Exempla als „gehörte" (audivi), und man hat keinen Grund, diese Angabe zu bezweifeln. Ich glaube, dass auch für J. de V. die mündl. Volkslitteratur die Quelle gewesen ist, aus der er geschöpft hat.^-*) Ob ihm diese Quelle Epis. 1 -j- 2 mit Ep. 3.

^^) The exempla of J. de Vitry. Ed. by Thom. Fred. Crane [Fühl, of the Folk-Lore Society XXVI), London, D. Nutt. 1890. Text des Ex. p. 99. Analyse und Anra. p. 231.

^') J. de Vitry flicht eine reizende Anekdote aus dem Stoffkreis der ,widerspruchsvolIen Frau' ein.

*•*) Crane, l. c. 232. „Fabliau and exemplum prohahly had their source in the oral populär lilterature of the Middle Ages.'- Vgl. S. 41.

44 August Kugel.

verbunden dargeboten hat. lässt sich kaum entsclieiden. Es ist ebenso wohl denkbar, dass J. de V. die Episoden selbst von ein- ander getrennt, als dass er sie getrennt kennen gelernt hat.

5. Die Mensa philosophica.

Nichts als eine den Stoff aufs Aeusserste zusammenpressende Kürzung des Vitry'schen Ex. CCXXXVII ist die (deshalb hier gleich angeschlossene) Anekdote in Scotus' Mensa pMlosopliica, lib. 4 de nmlieribus (im Druck von Ulierich Zell, Cöln 1470, fol. 72 1. 11): „Quaedam midier percussa a viro suo ivit ad castellanum in- ßrmum, dicens virmn suum esse medicum, sed non mederi nisi foHe percuteretur ; sie eum fortissime percuti procuravit.^^ Bedürfte es hierfür noch eines Beweises, so liefert ihn der Umstand, dass auch die 31. ph. die 3. Epis. separat und, bis auf analoge Verkürzung, ganz wie J. de V. erzählt. (Crane), p. 241. Es ist überflüssig, die kühne Behauptung der Menagiana (Ausg. Amsterdam 1716, t. IV, p. 52), die Version der M. ph, sei die Erzählung „d'on Moliere a pris le sujet de sa comedie du M. m. l." mit viel Worten zu korrigieren.

6. Nicole Bozon.

Die dritte Exempelsammlung, welche den „Arzt aus Zwang" enthält, sind die Contes moralises des nach 1320 im nördlichen (?) England schreibenden Franziskaners Nicole Bozon. ^^) Unsere Er- zählung steht dort als 2. Beispiel {Narratio ad idem) zu dem Satz No. 44: Quod Dens, quos diligif, corripü et castigat (worauf die Narratio anzuwenden, für uns nicht leicht sein möchte). Crane meint, dass Bozon sie aus dem von ihm wohl häufiger, aber jeden- falls sehr frei benutzten J. de Vitry entlehnt habe.^^) Die Heraus- geber Bozon's nehmen an, er habe sie aus einer dritten noch un- aufgefundenen latein. Redaktion geschöpft. ^'^j Suchen wir behufs Stellungnahme zu diesen Ansichten die für Bozon's Form charakter- istischen Besonderheiten, so ergeben sich folgende. Die Frau wird von ihrem Manu ..sanz reison' geschlagen. Der Kranke ist der Sohn des Königs. Woran er leidet, wird nicht gesagt (cf. Vitry). Die Erzählung bricht plötzlich ab, da wo im Fabl. und in der Compil. Sing, die 1. Heilung anhebt, ohne dass aber wie bei Vitry noch berichtet würde, was dem Bauern infolge seiner steten Weigerung schliesslich geschieht.

^') Les contes moralises cZe N i c ol e Bozon, Frere Mineur, p. p. la Ire fois d' apres les manuscr. de Londres et de Cheltenham p. Lucy Toulmin Smith et Paul Meyer. P. 1889. {Soc. d. A- T. Fr.). pag. 62. 63.

««) Ex. of J. de Vitry, introd. p. CXII.

^'j Contes moral., notes p. 248.

Untersuchungen zu 3Ioliere's Medecin malgre Im. 45

Von diesen Zügen abgeselien, erinnert die Erzälilung Bozon's stark an das Fableau. Es wird mit behaglicher Breite und lebendigem Dialog ausgemalt, wie die zwei Diener des Königs die Frau des Bauern weinend antreffen, von ihr instruiert werden und den sich heftig weigernden Bauern unter Prügeln vom Pfluge fort mit sich schleppen, und wie der Bauer, da er trotz verheissener Belohnung auch vor dem König dabei beharrt, kein Arzt zu sein, wieder geprügelt wird.

Also mag Bozon Vitry's Exemplum gekannt und nach dessen Vorbild seine Erzählung vor der Heilung geschlossen haben. Da- neben aber wird er, wenn mau nicht eine ganz auftällig mit schon Vorhandenem zusammentreffende Neudichtung annehmen will, viel- leicht nicht das Fableau, wie wir es haben, aber doch eine nur leicht variierende Bearbeitung desselben sei es von Hören, sei es aus einer schriftlichen Redaktion gekannt, und somit aus beiden Quellen zusammen seine Form gestaltet haben.

7. Die Grillo-Versionen. Ein bestimmteres Urteil gestatten die italienischen Versionen des ,, Arztes aus Zwang", die Erzählungen vom ,Lavorato)-e Grillo il quäle volse diventar niedico^ oder, kurz gesagt, vom ,Medico CrriUo\ Noch heute sind sie wenigstens in gewissen Gegenden Italiens in der mündlichen Tradition lebendig. Schon 1521 finden wir einen gedruckten Grillo, der in Ottaverime abgefasst ist und mehrfache Auflagen erlebt hat.^^) 1738 wurde dieser Grillo von Girolamo Baruffaldi unter dem Pseudonym Enante Vignaiulo, um „alcuni fatticelU occorsi a i miei giorni"' vermehrt und bedeutend breiter erzählt, aufs neue herausgegeben.^^) Neuerdings hat Pitre einen aus dem Volksmund geschöpften Medico Grillo veröffentlicht.^^)

^^) Das "Werkchen ist heute eines der seltensten der ält. it. Litt. Le Grand d'Aussy, der Fabl. ^ 1829, HI, 11 Grillo et Vil. Mira zu- sammenbrachte, kannte selbst nur eine Ausgabe des Grillo: n'en existe, je crois, qu'iine seule edition, de Venise, 1552, petit in-S'^.-' Wilke {Ce que Meliere doit .... p. 10) hat aus dieser absichtlich unbestimmten Angabe versehentlich eine positive gemacht: ^une seide edition, Venise 1552." Graesse, Tresor Y, 26 gibt als Ort u.'Jahr des, soviel bekannt, ältesten Druckes richtig Venedig (Zopino & Vincentio) 1521 an und weiss mehrere Nachdrucke anzuführen. Ich benutzte das Ex. der Kgl. Bibl. zu Berlin (Xo 8912), betitelt; „Opera Nova / Piacevole e da ridere, j Di tm Villano Lavoratore j Nominato Grillo j II quäle volse diventar Medico. I Eistoria hellissima in ottava rime, di helle Figure adornata. / In Venetia et in Bassano / Per Gio: Antonio Eemondin. / Con Licenza de' Su- periori. j s. a., Titelbl. mit leer. Revers, und 23 Bl.

**) Grillo, eanti dieci d'Enante Vignaiulo. Aeltest. Druck Venetia, Homobon Bettanino, 1738. Kgl. Bibl. zu Berlin Xp. 1960.

_»") Pitre, Nov. popol. ioscane, Firenze 1885, No. LX, p. 283 tf. Die hier noch angeführten Grillos haben mit dem uns interessierenden Dr. Grillo nur den Namen gemein. Doktor Grillo bei Miss Busk [Folk-

46 August Kugel.

Alle drei Versionen bieten wie der Vüain Mite (und die Compil. Sing.) die 3 Episoden vereinigt und stimmen auch im Detail auffallend zu ihm, während sie zu Formen wie Vitry und Bozon augenscheinlich ohne alle Beziehung sind. Halten wir den Grillo von 1521 (Gr. 1) und den von 1885 (Gr. II) vergleichend zusammen, so ergibt sich in der Grundidee üebereinstimmuug unter einander und mit dem Fableau. Die Differenzen in Gr. I rühren vom persönlichen Geschmack des litterar. gebildeten Verfassers, die in Gr. II vom mündlichen Fortleben des Stoffes her. Vom Grillo des Baruffaldi können wir billig absehen, da er ja nichts als eine kunst- mässige Bearbeitung des Gr. I ist.

1. Episode. Gr. I. Ein Bauer, namens Grillo, der mit Frau und drei Söhnen bisher zufrieden gelebt hat, wird durch das grosse Glück, dessen sich sein Bruder, ein Arzt, erfreut, neidisch gemacht und kommt auf den Gedanken, auch Arzt zu werden. [Gr. II. Des Bauern Neid wird durch den Anblick eines gemäch- lich daherreitenden Arztes geweckt.) Gr. I u. II: Er verkauft seine Habe, lässt einen Teil des Erlöses den Seinen und macht sich auf den Weg zur Stadt. Gr. I. Frau und Bruder suchen ihn unterwegs vergeblich zur Umkehr zu bewegen. Gr. zieht weiter; seine Frau folgt ihm heimlich nach. In der Stadt (Cuccagna- Schlaraffenland) geht Gr. in die „Herberge zur Jungfrau", kauft sich alsdann Doktorbarrett und -Kleid und lässt sich von einem listigen Betrüger ein Büchlein ,,c7ie insegna Varte deUa medecina'-'- für viel Geld aufschwatzen. Seine Frau hat sich inzwischen als Magd in der königlichen Küche verdingt. Beim nächsten Mahle bleibt der Königstochter eine Gräte im Halse stecken, und niemand kann helfen. Da fällt Grillos Frau ein, dass sie sich jetzt an ihrem Manne für sein Fortgehen rächen könne:

Talche de Grillo la Moglie prudente Vedendo questo prese per partito De vendicarsi contra suo Marito. Sie sagt dem König: „In der Herb, zur Jungfr. ist ein fremder Arzt von wunderbarer Kunst angekommen,

Ma rhu piacer di farsi im huomo grosso

E di raro sid far sapiensa alcioia

Che non sia della vita minacciato."' Der König lässt daraufliin schnell die Aerzte der Stadt kommen.

Lore of Borne, London 1874. p. 392) erzählt, wie der Diener eines grossen Arztes namens Grillo sich für diesen selbst ausgibt, Zulauf und Glauben findet und der echte .Doktor Grillo' von allen verspottet und missachtet wird. ,Lu Zanmi' in Pitre's Fiahe siciliane No. CLXVII ist kein anderer als der bekannte ,, Doktor Allwissend'-, nur mit dem Namen Grillo (resp. Griddu). Vgl. hierzu Anm. 93.

Untersuchungen zu MoUere's Mcdeciyi mälgre lui. 4tl

damit der Fremde sie durch seine Kunst beschäme. Dann lässt er diesen selbst holen.

2. Episode. Gr. I. Grillo kommt auch willig', verliert aber allen Mut, als er die Krankheitsgeschichte hört, und versucht sich damit herauszureden, dass er sein Studium erst begonnen habe. Aber als der König ihm droht: ,,Du heilst meine Tochter binnen 3 Tagen oder du stirbst," fügt er sich. [Gr. II. Die Frau folgt Gr. nicht. Gr. kommt zur Stadt, hört g-leich von der Krankheit der Königstochter [,,sie habe Schmerzen in der Kehle"] und geht von selbst zum König, der seine Dienste annimmt und für den Fall der Heilung reichen Lohn, für das Misslingen der Kur den Tod vei'heisst). Gr. I u. II: Gr. bleibt nun mit der Prinzess {Gr. I: und dem König) allein, vollzieht neben einem grossen Feuer seine sonderbare und derbe Kur, bei der die körperliche Berührung auf die Kranke übertragen wird [gli imhurrö ü culo (Gr. I), tutte le spalle (Gr. II)], und die Prinzess lacht so, dass ihr die Gräte aus dem Hals springt und sie geheilt ist. Gr. wird reich belohnt und bleibt am Hofe {Gr. I. als Modearzt).

3. Episode. Gr. I u. II: Die Aerzte der Stadt aber sind gegen Gr. höchst aufgebracht und wissen den König zu überreden, dass er Gr. die Aufgabe stellt, unter gleichen Aussichten wie bei der ersten Kur (reicher Lohn oder Tod) die Kranken des Spitals in 3 Tagen zu heilen. Gr. lässt nun im Spitalhof ein grosses Feuer anzünden. Das wundert die Siechen, und sie fragen nach dem Zweck. Gr. I. Grillo antwortet: ,,Wenn das Wasser kocht, wird einer von euch hineingeworfen und gekocht. Dann essen ihn die Andern und gesunden." {Gr. II. „Auf Befehl des Königs werf ich euch da hinein; wer aber noch fortgehn will, darf es.") Gr. I u. II, Natürlich leert sich das Spital im Nu, und Gr. em- pfängt die verheissene Belohnung.

Gr. II fügt nun gleich den Schluss an: Gr. kehrt, um den Nachstellungen seiner Kollegen in der Stadt zu entgehen, ,,wie ein Herr gekleidet" zu den Seinen zurück. Gr. I. gestaltet den Schluss so: Gr. behagt es am Hofe nicht mehr; er kehrt heim in seine Hütte, wohin ihm seine Frau vorauseilt, doktoriert fröhlich weiter (vgl. Yil. Mire) und lebt glücklich mit den Seinen. Vor- her hat aber Gr. I noch 2 Episoden eingefügt. 1) Gr. werden seine Schätze gestohlen. Aber er errät die Diebe, 3 Höflinge, binnen 3 Tagen durch die aus dem Märchen vom „Dr. Allwissend" wohl bekannte Art: „Das wäre der erste" u. s. f. 2) Gr. wird auf dem Heimweg vom König, der ihn eine Strecke begleitet, noch durch die Rätselfrage geprüft: „Was hab' ich in meiner Hand?" Auch sie löst Grillo, nämlich durch den Ausruf: „Ach, ich armer Grillo!" (Vgl. ebf „Dr. Allwissend"). Endlich hat Gr. I noch

48 August Kugel.

den Schluss dadurch erweitert, dass er zum Beleg für die Wirksam- keit von Grillos Kurmetliode die aus Poggio bekannte Anekdote vom „wiedergefundenen Esel" einschob.

Es scheint mir unzweifelhaft, dass die Uebereinstimmung des Grillo mit dem Vilain Mire auf Abstammung GnUo'% vom Fableau beruht. Es ist eine bekannte Thatsache, dass franz. Fableaux in grosser Zahl von den Trouveurs nach Italien (spec. Nordit.) ge- bracht worden sind und sich dort fest eingebürgert haben. Auf diese Art ist gewiss auch der Vilain Mire nach Italien gekommen. Dort hat er gefallen, sich sesshaft gemacht und sich in mündlicher Tradition allmählich und stufenweise zum Medico Grillo entwickelt, wie ihn dann s. Zt. der Vf. des Gr. I aus dem Volksmund ge- schöpft und als Kern seiner poet. Erzählung benutzt hat. Ganz natürlicher Weise ist bei diesem Fortleben im Volksmund mancher Zug vergröbert worden und mancher verschwunden. Dieser Prozess ist selbstverständlich im Grillo von 1885 bedeutend weiter fortge- schritten als im Grillo von 1521 (so, wenn sich z. B. in diesem das Rachemotiv noch findet, in jenem aber nicht mehr).

Woher stammen nun aber die Veränderungen im Eingang, die erweiternden Episoden, und so mancher Zug, z. B. die Ersetzung der Prügel durch Androhung des Todes, die sich zum Fableau nicht in Beziehung setzen, sich nicht als Vergröberungen oder Umge- staltungen von Zügen desselben erklären lassen? Die Antwort ist eigentlich schon gegeben. Der Volksmund hat das alte Märchen vom „Dr. Allwissend" 9^) mit dem Schwank vom „Arzt aus Zwang" oder, wie ich einmal sagen möchte, vom ,,Dr. Allkönnend" frühe und zäh gemischt, sie fest und innig mit einander verschmolzen. Das ist die Ursache und Quelle der sonst unerklärbaren Ab- weichungen GrilWs vom Fableau.

Naturgemäss hat bei dieser Combination bald das eine, bald das andere Element überwogen, je nach dem Geschmack des Er- zählers, nach Ort und nach Zeit. In den Combinationen, welche den Namen ^Grillo" führen, geht der Anteil des Dr. Allwissend so weit, dass er ihnen den Namen gegeben hat. Der „Doktor* musste

^') Vgl. über dies Märchen Benfey, Orient und Occident I 371 ff. Deutsch: Dr. Allwissend (Br. Grimm No. 98). Ital. Dottore Tuttesalle. Lit. y,Der Häusler, der ein Doktor ward," Schleicher, Lit. Märchen, Weimar 1857, S. 116 ff. Mongol. cf. Benfey, l. c. 378. Ind. Kathä- saritsägara, Bch. 6 etc. Auf das lit. Märchen, das eine wichtige Parallele zu den ital. Kombinationen bildet, komme ich unten ausführlicher zu sprechen.

Auch die Episode vom „wiedergefundenen Esel" stammt aus dem Dr. Allwissend. Vgl. z. B. das mongol. Märchen, 1. That : „Das wiedergefundene Pferd". Selbständig erscheint sie, wie erwähnt, z. B. in Poggio's Facetien.

Untersuchungen sn MoUere'a Medexin malgre Im. 49

•einen Namen haben, der die im Dr. Allwissend fast regelmässig wiederkehrende „Rätsel-Episode" ^2) jn ^en Vilain Mire-Qto^ einzn- fügen erlaiibte. So gab man ihm einfach denjenigen Namen, welchen der Dr. Allwissend in seinen ungemischten Italien. Formen führt, 93) nämlich „Grillo'-', und dieser Name ist geblieben, aucli wenn die Eätselepisode ausfiel wie in Grillo II.

Was Baruffaldi in der Vorrede seines Grillo v. 1738 von einem wirklichen Bologneser Arzt dieses Namens erzählt, der durch seine Sympathiekuren den Anlass zur ganzen (rHKodichtung gegeben habe, ist ihm selbst zu wenig beglaubigt als dass er es acceptieren möchte. Pitre {Nov. pop. tose. 287/8) folgt ihm darin mit Recht nach.

Natürlich hatten sich „Dr. Allkönnend" und „Dr. Allwissend" im Volksmund verschmolzen, ehe der Verf. des Grillo von 1521 sich entschloss: „mit gütiger Erlaubnis der Musen den fröhlichen Schwank, desgleichen kaum bei Boccaccio zu finden, in wohlgebaute Ottaverime zu kleiden."

Dass der Medico Grillo den Medecin malgre lui nicht beein- fiusst hat, bedarf keiner besonderen Erwähnung. 8. Guillaume Bouchet.

Wohl abei- war es dem „Arzt aus Zwang" bestimmt, in das Land, das er als Vilain 3Iirc verlassen, als Medico Grillo zurück zu wandern. Wie viele Stoffe seines gleichen ist er aus dem Adoptiv- vaterland in die alte Heimat zurückgekehrt. Aber das neue Ge- wand hat ihn dort als Fremdling erscheinen und den Sohn des Landes nicht mehr in ihm erkennen lassen. Der Vermittler des (in der vergleich. Litteraturgeschichte und spec. in der Geschichte der Fableauxstoffe ja wohlbekannten) Rückwanderungsprozesses scheint für den Med. Gr. der würdige ,Juge et Consul des Messieurs les Marchands de la Ville de Poitiers\ Guillaume Bouchet, Sieur de Brocourt, gewesen zu sein, in dessen Serees^^) sämtliclie drei Episoden des Grillo, bez. des Vil. Mire, eingeschaltet sind, aber dies eine interessante Parallele in der Trennung, in welcher sie im XIII. Jh. bei J. de V itry erscheinen : 1 + 2 ; 3. Die X'^e seree,^^) Des Medecins et de la Medecine, berichtet die Befreiung einer ,ßnc de grande maison' von einer verschluckten Fischgräte durch Grillo fast ganz wie Gr. /, geht aber, denn Grillo ist von vornherein ein

92) Vgl. den 3 Dr. Krebs" im deutschen Märchen {Br. Grimm 98).

«') So bei Sercambi, Nov. XX (Italien. Bibl. hsg. von Ulrich, Bd. IJ, Lpz. 1891, Einl. S. XXVI. Text S. U6, U7). In ,.Lu Zannw", Pitre, Fiab. sicil. CLXVII; siehe Anm. 90.

^*) Les Serees de G. B., Sieur de Broe. Divisees en 3 livres. 1584—1608. Ich benutzte die Edit. derniere, Lyon 1618, ans der Hzgl. Bibl. zu Wolfenbüttel. Neu hsg. sind die Ser. in 6 Bdn., mit Anm. u. Ind., von C. E. Eoybet, Paris, Lemerre 1873—1883.

^^) Ed. dem. livr. I. p. 376—379.

Ztschr. f. frz. Spr. u. Litt. XX'. 4

50 Au(jiist Kugel.

berühmter Arzt, uiclit auf Gr. I., sondern auf eine weiter vorge- schrittene (Bouchet vielleicht mündlich zugekommene?) Grilloform zurück. Die XXX"^® seree,'-^^), Des x>auvres et des mandians, er- zählt die 2. Heilung so, wie sie schon um 1450 Poggi o im selbständigen ,Facetum cujiisdam PetrüU ut llhcrarct liospitcde a sordidis''^'^) zu bissigem Spott gQ^tw den Cardinal von Bari verwandt hatte. Mög- lich ist es ja, dass Bouchet zur X™e Seree eine ital. Form benutzte, die nur Epis. 1 -h 2 enthielt. Wahrscheinlicher aber dünkt mir, dass er aus einer Grilloform mit 1 -f- 2 + 3 die dritte Epis. strich, weil es ihm in der X™^ Ser. nur um wirkl. Heilungen zu thun war. Zum Med. m. lui steht Bouchet natürlich ebenso wenig in näherer Beziehung wie der Medico Grülo.

9. a. Straparola. b. Le Docteur (baskisch), c. B e 1 p h e g 0 r.

Es erübrigt noch, zweier dem westl. Teil des Occidents au- gehörender Erzählungen von Heilungen durch Lachen zu gedenken, deren eine an die Qukas., die andere an den Vil. Mire oder über- haupt an die Formen mit , Gräte im Hals' erinnert. Erstere ist die Stelle in Straparola, Nov. F, fav. I, wo die wilde Erscheinung des Waldnienschen eine Fee derart zum Lachen bringt, dass ihr davon ein sie schon lange quälendes Geschwür in der Herzgegend platzt und sie gesundet. Nach Benfey's Ansicht {Pantsch. II 551) stände diese Heilung „der indischen Form, d. h. der Qukas., zu- nächst."- Trifft sich hier vielleicht eine durch die Lachkur im ,GrüW angeregte? Eründung Straparola's zufällig mit der ältesten bekannten Form? Dergleichen ist ja nicht selten; man denke z. B. an die eigentümliche Uebereinstimmung Voltaire's und Cazwini's in ihren Versionen von L'Ange et VErmüe (G. Paris, Poesie du moyen-äge 7, \8i).

Die andere Heilung, die sicher zu den Formen mit , Gräte im Hals' in Beziehung steht, ist die kurze baskische Erzählung ,Le Docteur' bei J. Vinson, Folklore du pays hasque, P. 1883, p. 109 (angezogen von Bedier, Fahl. ' 481). Hier bleibt einem Mann bei einem Festmahl eine Fischgräte im Halse stecken. Sein Sohn, der Arzt ist, aber bisher seine Kunst nicht ausgeübt hat, wird herbeigeholt und bringt seinen Vater durch den Ausruf: „Quoif mon pcre, ne savez-vous donc pas que je ne sais guerir >nes malades qu'avec des crottes de hrehis?"- derart zum Lachen, dass ihm die Gräte aus dem Halse herausspringt. Von da ab kuriert der Sohn rtott ,nach seiner Art' weiter und wird ein steinreicher Mann.

8«) ]&d. dem. livr. IIT. p. löO. 151.

^') Les Faceties de Pogge, trad. ea fr. avec le texte latin. Ed. cotnpl. 2 tomes. Paris, Liscux, 1878. Tome IT p. IIU. 111.

Untersuchungen zu Moliere's Mcdecin malgre lui. 51

Jedenfalls geht dieser Schwank auf eine ohne die 3. Epis. von Mund zu Mnnd gewanderte Version des Arztes aus Zwang zurück. Seine Gestalt bei Vinson stellt ihn auf eine ebenso späte wie dichterisch niedrige Stufe. Für den Med. m. l. lehrt er nichts.

Verschiedentlich hat man auch noch die Episode des Bel- phegor, in welcher der teufelaustreibende Bauer wider seinen Willen zur Heilung der besessenen Prinzessin gezwungen wird, mit der 1. u. 2. Epis. des Vü. Mire in Parallele gestellt. Dieser be- liebte Schwank ist wohl aus Macchiavell's Novelle und La Fontaine's Bearbeitung derselben am bekanntesten."'*) Der Bauer Matteo, der den Teufel Belphegor vor seiner bösen Frau Honesta und seinen Gläubigern verborgen hat, darf zum Danke dafür dreimal Personen heilen, in die Belph. verabredeter Weise fährt. Die 3 ,Kuren' ge- lingen bestens. Als dann Belph. aber (um vor Honesta sicher zu sein) in die Tochter des Königs von Neapel gefahren, wird natür- lich Matteo, dessen Euhm sich inzwischen weit verbreitet hat, wieder herbeigeholt und durch Androhung des Todes ge- zwungen, auch diese, die vierte, Heilung zu versuchen. Sie ge- lingt ihm dadurch, dass er Belph. vorspiegelt, Frau Honesta nahe sich auf der Suche nach ihm, worauf Belph. voller Angst schleunigst die Kranke verlässt und in die Hölle zurückflieht. Ich glaube nicht, dass man nötig hat oder gut daran thut, diese Zwangsepisode wie Dunlop-Liebrecht (wenn ich ihn recht verstehe) als eine Inter- polation aus dem Kreis des , Arztes aus Zwang' anzusehen. Viel- mehr nehme ich mit Benfey (Pantsch. I, 519) an, dass ^die Innere Verwandtschaft der beiden Kreise In ihrer Weitereniwlckelung zu solchen Berührungen mit einander geführt hat.'^ Der Bauer ist hier und dort kein wirklicher Arzt, aber er gilt dafür und wird, als er sich weigert, hier und dort eben gezwungen, als Arzt zu fungieren. Darauf dass auch im Belph. die Kranke eine Prinz ess und der Arzt ein Bauer ist, darf auch kein besonderes Gewicht gelegt werden, da diese beiden Personen ja in den Wunderkuren wie überhaupt im Märchen sehr häufig mit einander erscheinen.

ß) Die Occidental. Formen des , Arztes aus Zwang'.

b. Versionen aus dem östl. Teil des Occidents.

Spärlich an Zahl ist der Beitrag, den der östliche Teil des

Occidents zu unserer Gruppe liefert: nur zwei Erzählungen, oder drei,

wenn ich die unfindbar gebliebene russische hinzurechne (vgl. S. 34)

®^) Vgl. zu diesem Stoff besonders die Einleitg. Henry Kegniei-'s zum Belph. in s. Ausg. La Fontaine's, Bd. VI [Grands J^criv., P., Hachette, 1890). Ferner Dunlop-Liebrecht, Prosadicht.'- 21'^ n. kr\m. 348a; Benfey, Pantsch. I, 526 (mit dem Irrtum: (^uk. 24 statt (Juk. 40), Le Grand d'Aussy » III, 13. Wilke p. lü; Herrigs Ar chiv 90, IGO n. 92, 170: Cvane, J. de Vitry, introd. LI.

4*

52 Atigust Kugel.

10. Das litauische Märchen.

Die eine ist das lit. Mäixhen „vom Häusler, der ein Doktor tcard'^ ,^''-') dessen ich bereits S. 48 Erwähnimg that, weil es mit seiner Kombination von Dr. Allwissend und Dr. Allkönnend (wobei hier sicher ersterer den Grundstock bildet) eine vortreffliche Parallele zum ital. G-rillo ist. Im lit. Märchen, 2. That, kommt der „Arzt", als man ihn ruft, natürlich willig und ganz getrost zur kranken Prinzessin. Drei Tage lang richtet er nichts aus. Da schreit er sie endlich verzweifelt und wütend so an, dass sie heftig erschrickt und zusammenschauert. Dadurch platzt ein Geschwür in ihrem Hals, von dem man nichts gewusst hat, und sie ist geheilt. Der Doktor aber erhält reichen Lolm und zieht stolz heim.

Die hier geschehene Ersetzung der .,2. That" durch eine Heilung führt Benfey'"") auf Einfluss des mongol. Märchens SsidlMr No. 4 zurück, wo ebenfalls an 2. Stelle eine wunderbare Heilung (an einem Chan) vollzogen wird. Dies mag richtig sein. Doch hat uns schon die Parallele des Grillo gezeigt, wie nahe es über- haupt lag, in den „Dr. Allwissend" Heilungen einzufügen, eine Mischung, die gewiss noch öfter und wohl meist selbständig erfolgt sein wird. Dass jedoch die Kranke im lit. Märchen eine Königs- tochter und ihre Krankheit ein Halsgeschwür ist, zeigt entschieden eine nähere Verwandtschaft des lit. Märchens mit Qiikas. als sie die Formen des „Arztes aus Zwang" aus dem westlichen Teil des Occidents mit QuJc. aufweisen. Dem gegenüber ist die wohl in den Mittelkanälen erfolgte Ersetzung der Lachkur durch eine Heilung durch Schrecken nicht von grossem Gewichte. Denn auch sie lag nahe, da es eine alte und allgemeine Erfahrung ist, dass Freude und Schreck heilend wirken können.

11. Olearius.

Den jArzt aus ZAvang', auf den es uns des Med. m. lui wegen hauptsächlich ankommt, der aber im lit. Märchen fehlte, finden wir in der anderen Erzälilung aus dem östlichen Teil des Occidents wieder, nämlich in des Olearius" Bericht vom Zaren Boris Gudenoff und seinem unfreiwilligen Arzte.'"') Delaporte, der die Erz. des Olearius in sein schon erwähntes Sammelwerk: ,Le Voyageur Frangois übernommen hat und dabei das ihm bekannte Fahl, du Vil. Mire erwähnt, protestiert jedoch zugleich in .edlem National-

99) Schleicher, Ut. Märchen (Weimar 1857J, S. 116 ff.

"") Orient u. Occid. I, 379. Bf. glaubt aas dieser Beeinflussg. auch folgern zu dürfen, dass der Dr. Allwissend von den Mongolen nach Europa gebracht sei.

'"') Voyages tr'es curieiix et tres renommes faits en Moscovie, Tar- tarie et Persie (1G35—1639) par le Sr. Adam Olearius . . . trad. de Vorig, et auqm. p. l. Sr. de Wicguefort. Dern. Ed. Leyde 1719. Tome I, livr. lU, p. 2Ü7— 209.

Untersuchungen zu MoUere''s Medeciu malgre lui. 53

stolz' gegen die Annahme, des Ol. Relation und etwa nicht der Vil. Mire sei die Quelle des M. m. l.''^''') Er hat insofern recht, als das Fabl. dem M. m. l. gewiss näher steht wie die Erz. des Olearius. Trotzdem ist letztere für uns von grossem Werte. Freilich muss der weil. Pastor Martin Baar, der „Gewährsmann" des Ol., ge- statten, dass wir trotz seiner Bürgschaft der geschichtlichen Wahr- heit dieser Kur am Zaren Gudenoff nicht so ganz trauen, sondern auch hier das stille, aber mächtige Wirken der Sage erkennen, die immer aufs neue histor. Personen, auch gleichzeitig lebende, mit uralten Gewändern schmückt.

Folgende Züge sind aus Olearius hervorzuheben. Der Fürst selbst ist krank (cf. Vitry). Dies wird öffentlich bekannt gemacht und eiuQ grosse Belohnung dem verheissen, der ihn heile (Cuk.). Das hört eine Frau, die von ihrem Mann schlecht behandelt wird, und gibt an, ihr Mann wisse ein Heilmittel, da er aber den Zaren nicht liebe, wolle er es nicht sagen. Kann sie doch sicher sein, dass er nun reichlich Prügel erhält (und sie also gerächt wird), wenn er den Besitz des Mittels leugnet. (Rachemotiv). Man holt den Mann und prügelt ihn denn auch, da er leugnet, ein solches Mittel zu kennen, wiederholt aufs furchtbarste. Endlich gibt er nach und heilt den Zaren. Reich belohnt kehrt er alsdann heim und lebt seitdem mit seiner Frau in Frieden.

Diesen Uebereinstimmnngen mit früher bespr. Versionen stehen als hauptsächlichste Verschiedenheiten Ersetzung des Halsleidens durch die Gicht nnd Heilung durch ein äusseres Mittel (ein Kräuter- bad) entgegen. Sie scheinen mir die Züge zu sein, die an der ganzen Krankheitsgeschichte vom Zaren Gudenoff histor. wahr sind. Die sonstigen Abweichungen bei Ol. sind in der treff'lich durch- geführten Lokalisierung der alten Erzählung im Despotenstaate Russland begründet.

Meliere hätte die Erz. des Olearius kennen können, da eine frz. Uebers. des Ol. Werkes schon 1656 erschien und bald die zweite und dritte Auflage (1659, 1663) erlebte. Vielleicht hat er sie auch gekannt. Für den Med. m. l. hat er sie aber keinesfalls benutzt. Denn dieser hat zu viele Züge, die sich in Versionen linden, welche nicht bloss wie Ol. in , Rachemotiv' und ,Arzt infolge von Prügeln' mit dem Med. m. l. übereinstimmen. Unzweifelhaft sind aber die Relation des Ol. nnd das Fahl, du Vil. Mire Sprossen aus einer Wurzel, freilich weit ab von einander aus ihr emporgewachsen.

Ibi p. 304 „U7i Franrois ne doit xms permettre que des etrangers se fassent honneur des prodiictions de son p<igs.^^

Le Grand d'Aussy citiert Delaporte {Fabl. ^ 1829, II, 11), hat ihn aber inissverstanden.

54 August Kugel.

Ursprung- und Entwicklung der Gruppe: ,Arzt aus Zwang'.

Wir sind am Ende der Einzeluntersuchung der als Gruppe: ,Arzt aus Zwang' zusammengefassten ErzählungeE angelangt. Was ergibt sich nun für die Geschichte dieses Stoffes? ''^'^) Sind die bespr. Erzählungen wirklich identisch, d. h. gehen sie auf eine Quelle zurück? Und ist die 40. Erz. der Qulc, oder doch eine oriental. Form, diese Quelle gewesen?

Die bespr. Erzählungen schieden sich uns bereits in 3 Parteien : hier die Versionen des westlichen, dort die des östlichen Abend- landes, als dritte die orientalische Redaktion.

Die Identität der Formen aus dem Westen des Occidents kann nicht zweifelhaft sein. Die spezialisierenden Züge (deren Vorhandensein oder Fehlen allein in dieser Frage entscheiden kann): ,,Eachemotiv" „Arzt aus Zwang bez. infolge von Prügeln" das „Halsleiden" bez. ,, Gräte im Hals" die „Lachkur'' u. s. f. kehren, wenn auch nicht stets alle gleichzeitig, in diesen Formen wieder und wieder und erweisen so deren Identität. Die meisten dieser Versionen schlössen sich mehr oder minder direkt an das Fabl. du Vil. Mire au. Neben dies stellte sich J. de Vitry. Von ihnen beiden beeinilusst erschien Nicole Bozou. J. de Vitry uud der Verf. des Vil. Mire haben ohne Abhängigkeit von einander wohl beide aus dem mündl. Erzählungsschatz des Mittelalters ge- schöpft. Die Form, welche sie fanden (auf der Stammtafel als y bezeichnet), hat ohne Zweifel die Halskrankheit (Avohl schon ,, Gräte im Hals"), das Rachemotiv, den Zwang durch Prügel und die Heilung durch Lachen enthalten. Ob in ihr die 3. Epis. schon mit 1 -j- 2 vereint war oder ob sie erst vom Trouveur angeschmiedet worden ist, möchte ich nicht entscheiden.'"*)

Dieser Typus y aber ist mit dem Olearius gewiss identisch und in letzter Linie aus einer Quelle geflossen. Hier sowohl wie dort erscheint das Rachemotiv, der Arzt infolge von Prügeln, die Prinzessin mit der Halskrankheit, "*^) also Epis. 1 u. 2. Ihre ge- meinsame Quelle X wird demnach Epis. 1 u. 2 mit ;, Rachemotiv,

io3j Ygi Anlage IV. (Stammbaum der Gruppe .Arzt aus Zwang').

'"*) Benfey, Pantsch. I, 517: „Die H. TJmioandlung besteht nur in dem Chardkterziig späterer Nachahmung , nämlich Uebertreibung : es ist noch eine wunderbare Heilung hinzugefügt und diese sogleich im grössten Massstabc angelegt.'^ Dies findet sich bei Wunderkuren früh. cf. Fäntsch. 1, 511. Zar Entwickl. der 3. Epis. (ihren Ursprung verl'olge ich nicht) vgl. man Anl. I u IV.

105^ Die Vertauschung von Person des Kranken, Krankheit und Kur mit anderen wird nach dem allenthalben Ausgeführten nicht mehr gegen die Identität sprechen.

Untersuchungen zu Moliere's Medec'm mälgrc lui. 55

kranker (halsleideiider) Prinzessin, Arzt infolge von Prügeln und Heilung- durch Lachen" gewesen sein.

Der Grundform x der occid. Versionen mit Ausnahme den lit. Märchens steht als einzige orientalische Form (neben Galanos und der neuind. Fassung) die 40. Erz. der Qukasapiati gegenüber. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass auch die Erz. der Quh. und die Form x inhaltlich identisch sind. Doch trägt die Erz. der ^uk. m. E. einen ursprünglicheren Charakter. Der Arzt ist in ihr zwar auch ein unfreiwilliger, wird aber nicht durch äussere Gewalt gezwungen, sondern durch Ueberredung bestimmt. Er reizt in der Quh. durch komische Worte und Gesten, in x vielleicht schon durch unanständiges Gebahren zum Lachen. Der Beweggrund für die Frau, ihren Mann als Arzt auszugeben, scheint in der Quh. Geld- gier zu sein. Ob diese oder etwas anderes (vielleicht Rachsucht?) in der Vorlage der Quk. das Motiv der Frau gewesen, muss ganz dahingestellt bleiben.

Absichtlich blieb bis jetzt das ^.lit. Märchen^'- fast unerwähnt. Ohne Zweifel steht es der Qtilc. durch die S. 52 hervorgehobenen Züge näher als die anderen occidental. Formen. Eine direkte Ver- wandtschaft mit den letzteren kann dagegen nicht angenommen werden, wie der Inhalt des Märchens sofort ergibt. Es ist deshalb in Anlage IV zwar zur Quk. in Beziehung gesetzt, aber von den anderen dort erwähnten Erzählungen ganz getrennt.

Dass die oriental. Form die älteste ist, die wir vom ,,Arzt aus Zwang" kenneu, darf natürlich nicht dazu veranlassen, den Steif selbst ohne weiteres für orientalisch, und vielleicht noch dazu eben die 40. Erz. der Quk. für seine eigentliche Quelle zu erklären. Ich glanbe aber doch, dass der „Arzt aus Zwang" orientalischen Ursprungs ist. Zum Beweis für diese Annahme in den occid. Redaktionen nach indischen spec. buddhist. Zügen zu suchen, würde eine vergebliche Mühe sein. Denn spec. Indisches od. Buddhistisches enthält n. m. A. nicht einmal die 40. Erz. der Quk., wo die Einkleidung des Arztes in einen Brahmanen etwas durchaus Aeusserliches ist.

Aber die Idee: „eine Frau ihren Mann ohne sein Vorwissen als Arzt für eine bisher unheilbare Kranke ausgeben zu lassen, ohne dass sie selbst weiss und ohne dass es sie kümmert, wie ihr Mann sich aus der Gefahr, in die sie ihn damit stürzt, heraus helfen .soll", die scheint mir denn doch nicht zu den Ideen zu gehören, die jpartout et toujours retrouvables' sind. Deshalb glaube ich alle Erzählungen, in denen sie sich findet, auf eine Quelle zurückführen zu dürfen. Da nun die älteste Erzählung dieses Inhalts zugleich dem Orient angehört und als die ursprünglichste erscheint, ist mir der orientalische Ursprung des Stoffes durchaus wahrscheinlich.

56 August Kugel.

Natürlich wird die 40. Erz. der (^ulc. nicht die erste Fassung sein, die der Stoff überhaupt gefunden, und will ich auch nicht be- haupten, dass der Stoff unbedingt durch Vermittlung der Quk. aus dem Orient hinausgewandert sei. Es ist also cum grano salis zu verstehen, wenn der angefügte Stammbaum die QuJc. zur Wurzel hat.

Auch darüber, welchen Weg die Erz. eingeschlagen hat: ob sie von Indien in Asien ostwärts und dann mit den Mongolen ins östl. und von da ins westl. Europa gezogen ist, oder ob sie einer- seits mit den Mongolen ins östliche, andererseits (mit den Arabern?)*"") ins westl. Europa gelangt ist [das Letztere würde schon eine Orient. Form mit ßachemotiv voraussetzen], lässt sich erst ent- scheiden, wenn ein reicheres Material an oriental. Versionen gefunden sein wird."*')

Dahingegen dürfte wohl auch mit dem vorhandenen Material die Identität der europäischen Erzählungen vom ,,Arzt aus Zwang" mit der 40. Erz. der Culc. erwiesen und die Abstammung des Schwankes aus dem Orient wahrscheinlich gemacht sein.*"**)

Moliere"s Quelle in der Gruppe: Arzt aus Zwang.

Von allen Erzählungen vom „Arzt aus Zwang" war, wie die Einzeluntersuchung festgestellt hat, die einzige Form mit der- artigen Uebereinstimmuugen mit dem 3Ied. m. Im, dass eine nähere Beziehung zwischen ihr und letzterem angenommen werden durfte^ das Fableau du Vilain Mire. Aber das Fableau selbst hat Moliere nicht gekannt und benutzt; dies darf zumal nach Wilke's Aus- führungen*"*) als feststehend angesehen werden. Seine Quelle ist aber jedenfalls eine Weiterbildung aus dem Fableau gewesen, sonst wären so weitgehende Uebereinstimmuugen, wie Vil. Mire und Med. m. Uli sie zeigen, unerklärlich. Man könnte sich diese Weiter- bildung derart denken, dass sich der Vü. Mire vielleicht in ein „dramatisiertes Fableau", eine Farce, verwandelt habe und so von der franz. Bühne selbst zu Moliere gekommen sei, oder dass die (^ommedia delFArte das Fableau dramatisiert nach Frankreich

106) Dazu würde das plötzl. Auftaueben im XIII. Jh. vurtrefflich passen. Cf. G. Paris, Poesie du M. A. I, 171: ,,Les recits arabes, smif ceux qui sont venus par V Espagne , n'ont guere xMsse cn Europe qu'ä l'epoque des Croisades et surf out au XIII« siede.'-

"") Eine Förderung über den jetzigen Stand hinaus darf, wenn überhaupt möglich, -nobl in erster Linie von R. Schmidt's verheissener Geschichte der Qukasaptati erhofft werden.

'°*) Ich weiss nicht, ob sich Sedier in der in Aussicht gestellten Kritik von Benfey, Pantsch. I, § 212 mit dem „Arzt aus Zwang" ein- gehender zu beschäftigen gedenkt, weise aber auf diese Stelle {Fahl. * 431, Mo) nochmals hin.

">») AVilke, Ce qiie Mol. . . . p. 9.

Untersuchungen zu Moliere's Medecm malgre lui. 57

zurückgebracht liabe/'°) Dem steht es aber doch recht im Wege, dass man bis jetzt weder eine frz. noch eine ital. Posse dieses Inhalts auch nur erwähnt gefunden hat.

So bleibt vorderhand nur die durchaus wahrscheinliche An- nahme: Das Fableau hat in der mündlichen Tradition als Anekdote fortgelebt und ist als solche zu Moliere ge- langt."') Dazu stimmt vortrefflich, was die als zuverlässig be- kannte ,Vie de Moliere^ von 1724'^') erzählt: „Une personne qui est aujourdliui dans im äge fort avance, ni'a appris gue le Med. m. lui n'etait point de Vinvention de Moliere quant au fand du sujet; mais que quelqii'im a//ant raconte en prcsence du Rot ttne histoire ä peu prcs scmhlahle arrivee du temps de Franeois I^>' qui fut lui-meme une des personnes de Vintrigue, Moliere la trouva fres 2)ropre ä ctre accommodee en farce, et qu''avec quelques changements il en fit la comedie du Medecin malgre lui."

Dass die Anekdote den Inhalt des Fableau sehr getreu be- wahrt hatte (was bei der Uebereinstimraung des Vil. Mire und M. m. l. angenommen werden muss), wundert keinen, der auch nur einmal die ,tradition tres puissante et durable indefinitiient' ^^^) in iev Geschichte der Litteratur in ihrem Wirken verfolgt hat.

Ich hoffe so die Art der .filiation hien certaine entre lefahleau, du XIII^ siecle et la comedie du, XVIB siede'' "■*) mit einiger Sicher- heit näher bestimmt zu haben.

Moliere's Fagotier. Ehe ich nun aber zu den ,Nebenquellen' des M. in. l. über- gehen kann, zwingt noch die Erwähnung eines auf Moliere's Bühne wiederholt aufgeführten Fagotier^ ^") zu kurzem Verweilen. Leider wissen wir nichts Positives über den Inhalt dieses Stückes. Doch lässt die Thatsache, dass der angegebene Titel sicher von Zeit- genossen Moliere's, vielleicht auch von ihm selbst, hie und da ziir

"•') Wie stand es darin wohl mit der der C. d. A. unentbeln-licheii Liebesintrigue?

'") Damit wäre der Stoff Mol. wohl nicht .par detours' ("Wilke p. 21), sondern auf ganz natürl. und direktem Wege geliefert worden.

"-) Oeuvr. de Mol., Amsterdam, Wetstein & Schmidt, 17:35, vul. I, p. LXXIj. Lacroix nennt diese Biographie ,exceUente' cf. BiUiogr. Mol. - No. 991. 309. 317. Dass Franz I. in der Anekdote figuriert, ist ebenso erklärlicli und zu erklären wie das Erscheinen des Boris Gudenoff iu Olearius' Erzählung.

"^j Petit de Jullcville, la comidie tt hs moeurs en France au moyen äge. P. 1886. p. 43.

'i*j Oeuvres de Mol, p. p. Mol and - VIII, 8.

"') Zum ersten Mal erwähnt ilin La Grange''s Eegister (p.p. Thierry, P. 1876. p 54) unter dem 14. Sept. 1661. La ThorüUere nennt ihn, 'Le Fagoteux.' Man vergl. zu dieser Nameusfrage Oeiiv. de. Mol. p. p. Despois et 3Iesnard, N. E. 1, p. 9.

58 August Kngcl.

Bezeichnung- des 3Ied. in. lui gebraucht worden ist, annehmen, dass der Fagotier sich inhaltlich wenigstens mit einem Teile des Med. m. lui gedeckt hat. Ist dem in der That so gewesen, dann wird Moliere allerdings seine eigene dramatische Bear- beitung des alten Schwankes vom ,,Arzt aus Zwang" bei der Abfassung des Ilcd. m. lui ebenso benutzt haben, wie er sich für andere Partieen des Med. m. lui seines eigenen Medecin Volant bedient hat.

Zum ,Fagotier' wird sich übrigens der ehemalige Bauer wohl im Laufe der Tradition vor Moliere umgestaltet haben. IL Nebenquellen des Medecin malgre lui.

In keiner der bespr. .Hauptquellen' erscheinen ein paar Züge aus dem M. m. l., die nur von untergeordneter, ja für den Gang der Handlung eigentlich von gar keiner Bedeutung sind: die Epi- sode mit dem Nachbar Robert (I. 2. 3) und die Stummheit der Tjucinde. Auch sie sind nicht original, sondern entlehnt. Ihre Quellen dürfen wegen der geringen Wichtigkeit der Züge als .Nebenquellen' bezeichnet Averden. Um jedoch nicht zu weit geführt zu werden, beschränke ich mich darauf, die Niclitursprünglichkeit dieser Züge bei Moliere kurz dazuthun.

Die Episode vom ,, friedenstiftenden Nachbarn", der zum Dank für seine gute Absicht schliesslich von dem eben noch uneinigen Ehepaar gemeinsam geprügelt und hinausgeworfen wird, war sowohl in der ital. Posse"") wie auf dem franz. Theater des MA. bekannt. Ein prächtiges Exemplar des unglücklichen Nachbarn findet sich z. B. im Mystere Saint Christophe de Ghevalet von 1527 (Pet. de Julie ville Myst. I. 270): „Dans ce meme myst. on voit aussi un imysan battre sa femme et celle-ci se fächer lorsqu'on veut emjJecher son mari de la battre; mari et femme se reimissenl pour rosser Vimportun.'^ P. de Juli, erinnert sofort an den M. m. l.: ^,Est-ce Vorigine dhine sehne bien connue du Med. m. lui ?^ Auch das Gegenstück fehlt nicht, wenn die Versöhnungsversuche des Nachbarn z. B. in der „Farce des femin es qui demandent les arrerages" (P. de Juli. Bepert. 134) von Erfolg gekrönt werden. Der Docteur in der Jalousie du BarhouiUe, sc. 6., der den Barb. und Angelique auf Wunsch von Gorgibus versöhnen will resp. soll, ist ohne Zweifel ein Sprössling dieses Typus. Mol. hat also diese Figur schon vor dem Med. m. l. verwandt und man kann es insofern cum grauo salis acceptieren, wenn Mahrenholtz {Mol. p. 198) im Docteur der Jal. du Barb. den Keim des Nachb. Robert im Med. m. lui sieht. Ohne Zweifel hat Mol. die Sceiien vom Nachbar Robert in erster Linie wegen der sicheren Wirkung auf das solche handgreifliche Komik

"®) Laun, Mol. mit ätsch. Comw. IX, p. 6.

Untersuchungen zu MoUere-s Medecin malgre lui. 59

liebende Publikum eingefügt, vielleicht auch als Ersatz für eine andere Scene, vgl. unten S. 66.

Auch der Zug, dass ein Mädchen liebeshalber stumm zu sein fingiert, ist in der vorraol. Komödie vorhanden. Er ist eines der beliebten Mittel der Gomra. dell'arte (cf. Bartoli, scen. ined., in- trod. XI) und hat wohl auch der franz. Bühne nicht gefehlt. Kurz, beide, der „friedenstiftende Nachbar" und die „fingierte Stumme '=, sind alte Züge. Sie gehören zu denen, von welchen P. de Juli. {Myst. I. 269) sagt: „Une Observation que suggere Vetude des 7Hi/steres et que confirmera celle des farces c'est que certains moyens comiques semblent imperissables, et se transmettent de siecle en siecle ä travers les metamorphoses de la litterature et du theätre.^' Von ihrer immer wiederholten Anwendung sagt Fournier '^') mit Eeclit: n'i/ a point plagiat, mais appropriation successive d'un e plaisanterie tradltionnelle. ' '

Man hat als Quelle Moliere's für diesen Zug im M. m. l. häufig eine Stelle aus Eabelais genannt. Rab. erzählt nämlicli in 34 von der bekannten Studentenaufführung in Montpellier, in der er selbst mitgewirkt. Aufgeführt wurde die Farce von der „stummen Frau", welche, durch Operation von einer Hals- geschwulst befreit, die Sprache erlangt, aber von ihr so reichlich Gebrauch macht, dass der Ehemann wünscht, seine Frau könnte wieder stumm gemacht w^erden ein Wunsch, den ihm der Arzt freilich nicht erfüllen kann. Nur das kann und will der Arzt thun, ihn taub machen."^)

Im M. m. l. aber erscheint nicht nur die (fingierte) Stumme, sondern wir finden darin auch die folgenden Stellen: II. 6. Sgan. Et qui est ce sot-lä, qiii ne veut pas que sa femme soü muettef Flut a Dieu que la mienne eüt cette maladiel je wen garderois hien de la voidoir guerir. Und 111,6 Ger. Ah! quelle impetuosite de pa- roles\ II n''y a pas moyen d'y resister. Sgan.) Monsieur, je vous prie de la faire redevenir muette. Sgan. C'est une cliose qui rri'est impossihle. Tout ce que je puis faire pour votre Service est de vous rendre sottrd, si vous voulez.'''

Nach dem, was oben über das Vorkommen von fingierter

"^) Fournier, Chansons de Gaultier Garguille p. XXV. Citiert von P. de Juli., Myst. 1,210.

"*) Babelais, III, 34. Edit. Elzevir. Paris, Jannet, 1858. tome I,p. 480, 481. . . . jouastes . . . . la morale comoedie de celluy qui avoist

espouse une femme mute Le bon mary votüust qu'elle parkest. Elle

parla par Vart du Medecin et du Chirurgien, qui Im coupperent un ency- liglotte qu'elle avoit saus la langue. La parolc recouveHc, eile parla tant et tant, que son mary retourna au Medecin pour remede de la faire taire. Le Medecin respondit en son art bien avoir remedes propres pour faire 'parier les femmes, n'en avoir pour les faire taire; remede unicque estre surdite du mary contre cestuy interminable parlement de femme. ^

60 August Kugel.

Stummlieit iu der Komödie gesagt wurde, wird es riclitig seil), den Hinweis auf Rabelais nicht so aufzufassen, als habe Moliere über- haupt nur aus Rabelais den Gedanken genommen, resp. nehmen können, Lucile als Stumme auftreten zu lassen. Er kann das eben- sowohl beeintlusst von anderen Beispielen fingierter Stummheit gethan haben. Unzweifelhaft hat er aber diesen Zug durchaus im Anschluss an Rabelais ausgestaltet, und das war ein höchst glücklicher Griff. "^) Auf einzelne entlehnte Wendungen, wie das: II y a fagots et fagots (nach Scarron) einzugehen, dürfte nach Mahreuholtz etc., wie bei dem Zwecke dieser Untersuchungen überflüssig sein.

C. Die Resultate für den Medeciii malgre lui.

I.

Was hat Moliere seinen Quellen entnommen?

Ziehen wir jetzt das Facit der Untersuchungen in Bezug auf die stofflichen Elemente des Med. m. lui, so ergiebt sich, dass Mol. sich durchaus alter Züge bedient und von ihm selbst geschaffene nicht verwandt hat. Entlehnt sind, um die unbedeutenden Züge vorauszunehmen, die Episode vom Nachbar Robert und die Stumm- heit der Lucinde. Entlehnt ist nicht weniger als alles Andere, der ganze Inhalt des Stückes, und zwar aus zwei Stoff kreisen, die von vornherein als , Hauptquellen' desselben bezeichnet werden durften, aus der Gruppe: ,, Diener als Arzt" und der Gruppe: „Arzt aus Zwang". Jene hat zum Med. m. lui durch Molieres eigenen Medechi Volant beigetragen, diese durch eine Weiterbildung des Fableau du Vüain Mlre, die, als Anekdote zu Moliere gelangt, von ihm vielleicht auch schon einmal (im Fagotier) dramatisiert worden war und, wenn dies der Fall gewesen, gewiss in dieser dramat. Form für den Med. m. lui benutzt worden ist. Für die erstgenannte Quelle kann erfreulicherweise auf Molieres Med. Vol. selbst, für die zweite muss auf den Vüain Mlre zurückgegriffen werden. In- dem ich jetzt den Beitrag derselben zum Mid. m. lui genau zu kon- statieren versuche, schliesse ich mich treu an die Scenenfolge im Med m. lui an, damit zur Bekräftigung meiner Quellenhypothesen neben den Uebereinstimmungen in Personen und Zügen, d. h. im Stoff, auch die ebenso vorhandene Gleichheit der Disposition und

"^) Die Vermutung von Peters in der 8. 4. cit. Schril't: „Scarroii's Jod. Duell.'' p. ;}3, dass ,,die simulierte Taubheit der Lucinde in Le M. n\. l. {II, 6) der der Lucie im J. D. {V, 6) naehgebildet sei,'' ist na- türlich hinfällig. P. übersali, dass Lucinde gar nicht Taubheit, sondern Stummheit simuliert. Auch im üehrigen haben J. D. und 31 m. l. nichts gemein als die Idee: , .Simulierung von Krankheit zur Erreichung des Liebeszieles."

UntersKchungen zu MoUcrc^s Medecin malgrr lui. (H

der dramatischen Auf Wickelung- ' ''^) zwischen Moliere und den an- genommenen Quellen recht deutlich hervortrete. Natürlich muss ich infolgedessen nunmehr im Gegensatz zu ihrer Reihenfolge in der Einzeluntersuchung den „Arzt aus Zwang" dem „Diener als Arzt" voranstellen, denn von jenem stammt hauptsächlich der I. Akt, von diesem der IL und III. Akt.

A.

Der Beitrag des „Arztes aus Zwang." P e r s 0 n e n :

Der „Vilain Mire" .... Sganarelle.

Seine Frau Martine.

Die zwei Boten Lucas, Valere.

Der König Geronte.

Seine Tochter Lucinde.

/. AM = I. Episode.

sc. 1. Sgan. ist mit seiner Frau in ehelichem Zwist und prügelt sie schliesslich.

sc. 3. Die Eheleute versöhnen sich und Sg. geht an seine Arbeit.

sc. 4. Mart. sinnt auf eine fühlbare Rache.

sc. 5. Die zwei Boten treffen mit Martine zusammen und erzählen ihr, dass sie nach einem Arzt für ihres Herrn (halsleidende) Tochter suchen. Mart. gibt ihren Mann als Arzt aus, be- schreibt seine „Eigentümlichkeiten", schärft wiederholt das Prügeln ein und zeigt endlich den Boten den Weg zu ihm.

sc. (i. Die Boten begrüssen Sgan. respektvoll und reden ihn als den 'grossen Arzt' an. Er leugnet, Arzt zu sein. Sie prügeln ihn wiederholt, und er folgt ihnen endlich.

II. AM = IL Episode.

sc. 1. Die Boten melden ihrem Herrn, sie hätten einen Arzt ge- funden, aber er sei sonderbar.

In sc. 3. ist vielleicht die Prügeluug Geronte's durch Sgan. eine Umgestaltung der nochmaligen Prügelung des Vilain Mire vor dem König.

In sc. (i. ist die Stelle: „Sgan. assis entre Ger. et Luc: Voilä unc malade qui n'est pas tant degoidantc, et je tiens quhm hommc bien sain s'en accommoderait assez. Ger. Vous Vavez fait rire, nionsieur. Sgan. Tant mieux: lorsque le medecin fait rire la malade, c^est le meilleur signc du monde^' . . . gewiss eine Rerainiscenz an die Lachkur.

'^•') Dies wichtige Moment in Quellenfragen hat auch Wilke, 1. c. bei seiner Vergleichung des Vilain Mire und Med. m. lui. nicht voll aus- genutzt.

62

August Kugel.

sc.

sc.

III. AU.

2. Kann mau vielleicht in der Konsultation Sgan, durch Thibaud und Perrin (und in Sgan. Worten: On me vient chercher de tous cötes. III 3) eine Nachwirkuni;; der III. Epis. sehen, so dass Mol. doch einen „Arzt aus Zwang" mit der III. Epis. ge- kannt hätte?

6. = IL Epis. Die Kur ist Sgan. gelungen. Lucinde spricht wieder.

11. = II. tez. III. Epis. vSgan. Wiederzusammensein und Aus- söhnung mit Martine. Ss'. bleibt Arzt.

B. Der Beitrag des „Dieners als Arzt."

Die Personen s. Anl. III. (Der Arzt heisst in beiden Stücken Sgauarelle, der Vater im einen Geronte, im anderen Gorgibus. Auch die übr. Personen haben verschiedene Namen, stimmen aber im Wesen überein).

Medecin malgre lui. I. Akt.

sc. 5. Lucas u. Valere auf der Suche nach einem Ai'zt für Lucinde, deren Krank- heit sie für eine wirk- liche halten. Der von Lucinde verschmähte Freier. Unwille der Diener.

sc. 6. Sgan. übernimmt die Arzt- rolle, durch den verheissen. Lohn mit beeinflusst. Er bedingt sich eine Arzt- robe aus.

Medecin Volant.

sc. 1. Sabine nach e. Arzt ge- schickt, erzählt von Luc. simulierter Krankheit. Der zurückgewies. Freier. [Unwille Gros-Eene's in sc. 3].

sc. 2. Sg. übernimmt die Arzt- rolle gegen Lohn. Er bedingt sich eine Arzt- robe aus.

//. Akt.

sc. 1. Lucas u. Valere melden, dass sie einen Arzt ge- funden haben.

sc. 2. Jacqueline liest Geronte den Text. {„La meilleure mederatneque Van pourroit bailler ävotrefille, ceseroit, Selon moi, un hiau et hon inari, poxir qiii alle eüt de Vamiquie.^^)

sc. i. Sabine meldet, dass sie einen Arzt gefunden hat.

sc. 3. Gros-Rene tadeltGorgibus. {„Que diahle aussi\ pour- quoi voidoir donner votre fille äunvieillard? Croyes- vous qiie ce ne sait x^as le desir qii'elle a d'avoir un jeune homme qui la tra- vaille?'')

Uiitersucliungen zu MoUere's Medecin malgrc luL

63

sc. 3. Der Arzt tritt ein. Re- sc. I.

spektvolle Be.^rüssung.

„Hippocrate dit . . ."

,.je ti'ai jamais eu d'au-

tres Ucences^'-

Jacq. geht Lucinde holen. 6t'. 0. laicinde erscheint. Kon- sc. 5.

sultation mit sich älinlicli

steigerndem Diaig.

Sgan. Qii'elle s'en garde hiCn ! II ne faut pas qu'clle meure saus Vor- donnance du medecin.

Sgan. Serd-elle de gran- des doideiirs? Ger. Fort grandes. Sgan. C^est fort bleu fa'd.

sc. 8. Die ,,Geldscene." sc. 8.

„Je ne suis pas im mede- cin mercenaire.^^

sc. 9. Komplet zwischen Sgan. = sc. 2. u. Leandre. Leandre muss zahlen.

Der Arzt tritt ein. Re- spektvolle Begrüssung. ,,Hip2)ocra/e dit ..." = „ven€z . . . me donncr mes licences"- sc. 2 Sabine geht Lucile holen. Lucile erscheint. Kon- sultation.

Sgan. Qu' eUe s^en garde hien !il nefaid pas qu'' eile s'amuse ä se laisser mou- rir Sans Vordonnance de la medccine. (= L'Ä7n. Med. III, 2). Sgan. Sentez - vous de grandes douleurs . . .? Luc. Olli, iHonsieur. Sgan. Cestfurtbienfait.

Die ,,Geldscene."

,,t7e ne suis pas un Jiomme

mercenaire.'-

(= L\bn. Med. 11,2). Komplot zw. Sgan. u. Va- lere. Valere bezahlt Sga- narelle's Hilfe.

Akt III. sc. i. Lucas ist erbittert gegen

Sgan. sc. 8. Lucas meldet die Flucht

der Liebenden ; Sgan. ist

entlarvt.

..,Votre fille s'en est enfuie

avec son Liandre."

„Monsieur le medecin, vous seres pendu.^^

sc. 10. Sg. sucht Geronte umzu- stimmen.

sc. 11. Rückkehr des Liebes- paares. Ger. willigt in die Heirat und verzeiht die Täuschung.

sc. 15. Gros -Rene schöpft Ver- dacht gegen Sg.

sc 15. Gros-Rene meldetd. Fluclit der Liebenden. Sgan. i^^t entlarvt.

Valere et votre ßlle sont ensemble qui s'en vont ä tous les diables." .,Tu seras pendu, fotirbe, coqiiin."

sc. 15. Sg, sucht Gorg. umzu- stimmen.

sc. 16. Rückkehr der Liebenden. Gorg. willigt in die Heirat u. verzeiht die Täuschung-.

64 August Kugel.

II. Wie hat Moliere die Quellen benutzt?

Dadurch, dass sich feststellen Hess, dass Mol. seinen eigenen Med. Vol. so getreu und weitgehend für den M. in. l. benutzt hat, scheint mir zugleich erwiesen, dass nicht anzunehmen ist, Mol. habe vielleicht doch für das Ganze des M. m. l. ein die zwei Stoffe schon vereinigt bietendes Vorbild gehabt. '"')

Die Zusaramenschmiedung der beiden Stoffe: „Arzt aus Zwang" und „Diener als Arzt" zu dem einen Stücke ist vielmehr Moliere's eigenstes Werk, Wie Moliere sie kombiniert, d. h. also, wie er seine Quellen benutzt hat, ist nun noch zu beantworten. Und diese Frage ist um so mehr von Interesse, als nach meiner Ansicht das Verhältnis der beiden Hauptquellen des M. m. Im zu ihm und zu einander bisher falsch aufgefasst worden ist.

Man hat nämlich bisher, vom Titel verlockt, den „Arzt aus Zwang" als den Hauptbestandteil, das Fundament des ..Medecin mälgre lui^' angesehen, ihn demgemäss auch in der Quellenfrage stets in den Vordergrund gestellt und daneben vom Mcdecin Volant nur wenig wissen wollen oder gar diesen ganz vernachlässigt. Nur ^.quelques ineidents"' und „quelques phrascs^' seien letzterem entlehnt, meint noch Despois. (Oeiivr. de Mol. N. E. 1,3; I.50; VIjj^). Das Höchste, was man ihm zugestand, war eine nicht näher be- stimmte ,Combination' mit der Idee des ,, Arztes aus Zwang", in der letzterer aber die Hauptrolle behielt (Wilke, 1. c. p. 11). Ja, eine Combination der beiden Stoffe hat in der That statt- g,-efunden. Aber in dieser Combination hat nicht der „Arzt aus Zwang" das Übergewicht, stehen sich auch nicht etwa die beiden Elemente mit gleichem Anteil am ganzen Stück gegenüber. In dieser gewiss nicht so w ohl überlegend berechneten, als in- tuitiv genialen Combination ist der ,, Diener als Arzt" das die Grundlage bildende, der ,,Arzt aus Zwang" das an- gefügte Element. Das Fundament, der alte Bau ist jener ; dieser ist nur das neu aufgesetzte Stockwerk, das freilich eben durch seine Neuheit die Blicke der Vorübergehenden auf sich zieht und sie den alten, unscheinbar gewordenen Grundstock übersehen lässt. Denn was bildet eigentlich die Handlung des Medecin malgre lui? Doch nichts anderes als die Intrigue des Mcdecin Volant. Zwei Lieben- den, denen der Vater nicht günstig gesinnt ist, gelingt es, mit Hilfe eines fingierten Arztes, der das Krankheit simulierende junge Mädchen behandelt, zu üiehen. Die Flucht wird entdeckt und der vermeint- liche Arzt entlarvt. Aber die Rückkehr der Liebenden und ihre Aussöhnung mit dem Vater des Mädchens löst das Ganze friedlich auf.

Neben diesem vermeintlichen Arzt hatte nun Moliere einen

^2') Vgl. S. 5 oben.

Untersuchungen zu Moliere's Medecin nialgrc lui. 65

anderen üngüerten Arzt in der Anekdote vom ,,Arzt aus Zwang,, kenneu gelernt und vielleicht auch schon einmal selbständig auf die Bühne gebracht. Es lag nahe, die beiden Scheinärzte zu einer Person zu vereinigen, zumal sie beide nicht von selbst als Ärzte auftraten. Dass jenen Geld, diesen Prügel hierzu bestimmen, ist ja im Grunde nur ein gradueller, kein genereller Unterschied und bildete kein Hindernis. Ob der fingierte Arzt in jener Intrigue Diener des Liebenden war oder nicht, war für die Handlung gleichgiltig, wo- fern Arzt und Liebhaber nur im Einverständnis waren. Endlich liess sich der Schwank vom ,,Arzt aus Zwang", da er selbst keine Liebesintrigue besass, dem ,, Diener als Arzt" bequem voranstellen, ohne dass in der Handlung des letzteren allzu bedeutende Änderungen erforderlich wurden. Ein Bühnenpraktiker und komischer Dichter wie Moliere rausste sehen, dass eine Combination, die in die Handlung des Medecin Volant die Figur des durch Prügel zur ärztlichen Wirk- samkeit gezwungenen „Arztes wider Willen" einfügte und ihr auch die Geschichte dieses Arztes vorausgehen liess, dem alten Eepertoire- stück den Schein der Neuheit geben und durch die übermütige, derbe Komik des Elements „Arzt aus Zwang" dem so geschaffenen Ganzen einen dauernden Bühnenerfolg sichern würde. Moliere sah es und vollzog die Vereinigung.

Aus dieser Combination mit „Diener als Arzt" als Grundlage, „Arzt aus Zwang" als Einfügung erklären sich nun ohne alle SchAvierigkeit die Änderungen, welche beide Hauptquellen in Med. m. lui erfahren haben und erfahren mussten, wenn ihre Ver- schmelzung ein einheitliches Stück ergeben sollte.

Ln Element ,, Arzt aus Zwang" musste aus der wirklich Kranken eine Scheinkranke werden. Das Halsleiden behielt Moliere bei, aber er machte es zu simulierter Stummheit. Die wirkliche Kur fiel na- türlich aus. Doch blieben Eeste davon. Lucinde muss lachen und spricht wieder. Es ist also scheinbar eine Heilung vollzogen worden. Der 5 Arzt wider Willen' ist natürlich zuerst der Meinung, er habe es mit einer wirklich kranken Person zu thun. Hierüber wird er aufgeklärt. Dann handelt er mit voller Absicht als Helfer der Liebenden. Damit die Versöhnung zwischen Sgan. und Martine bei- behalten werden konnte, musste Martine ihrem Manne nachziehen."") Im Element ,, Diener als Arzt" verschwand die in Moliere's Med. Vol. unbestimmt gelassene Krankheit zu Gunsten der fingierten Stummheit. Der Liebhaber selbst weiss zwar, dass die Krankheit seiner Geliebten simuliert ist, hält aber Sgan. für einen wirklichen

^'^^) Diese Uebereinstiramung mit Grillo I ist gewiss zufällig. ^") Auch diese Uebereinstimmung mit anderen Formen des Dieners als Arzt {Ac. de M., Bart, Arl.) scheint mir zufällig.

Ztschr. f. frz. Öpr. u. Litt. XX>. 5

66 August Kugel.

Avzt und iiniss diesen also für sich zu gewinnen suchen. Das kann natürlich erst geschehen, nachdem Sgan. schon als Arzt bei T.uc aufgetreten ist. So erklärt sich die Zurückstellung der 2. Scene des Med. Vol. Naturgemäss fiel auch die Vermittlerrolle Sabines, doch blieb ein Rest dieser Figur in Jacqueline. Da Sgan. von allen (ausser Mart.) für einen wirklichen Arzt gehalten wird, müssen die Hauptbeteiligten irgendwie erfahren, dass er das gar nicht ist. Dem Leandre sagt Sgan. es selber. Lucinde erfährt es durch Leandre, der zu diesem Zwecke Sgan. bei der IL Konsultation begleitet.'"') Da Sgan. keine Doppelrolle (Arzt und Diener) durchzuführen hat, ist der „Fenstersprung" beseitigt und der vermeinte Arzt wird nur durch die Mitteilung des Lucas von der Flucht des Liebenden ent- larvt. Beseitigt sind schliesslich im M. m l. die ,Advocaten'-Scenen des Med. Vol., wohl einfach, um zu viel Anklänge an diesen zu vermeiden. Die Episode vom Nachbar Robert mag mit als Ersatz für die Advocaten-Scenen eingeschaltet sein (vgl. S. 59).

Aus der Combination erklärt sich endlich auch die bei Mol. sel- tene Nichteinhaltung der Ortseinheit (I. Akt: Wald; IL u. IIL Akt: Zimmer im Hause des Geronte, und Platz bei dessen Haus). Es ging einfach nicht anders als die Ortseinheit zu opfern, wenn die ('ombiuation möglich sein sollte, und es ist deshalb müssig. den Wechsel des Orts auf Einfluss des Äcero de Madrid zurückzuführen.

Musste nun auch Moliere das geistige Eigentum an den stofflichen Elementen, aus welchen sich der 3Ied. ni. lui zusammen- setzt, völlig abgesprochen werden, so beeinträchtigt dies Resultat doch die Anerkennung, die dem Stücke und seinem Schöpfer noch heute gezollt wird, in keiner Weise. Denn das Werk, zu dem Mö- llere jene Elemente zusammengefügt hat, kann er durch die Art der Combination voll und ganz als seines Geistes Kind in Anspruch nehmen. Und ist der Medecin mcdcfre lui auch nur eine Posse, so muss man doch von ihm gestehen: ,.Oui, c'est une farce; mais c'est uns farce de Moliere, on Vy reconnait partout.^''

A n h a n g .

I

„Zur 3. Episode des Vilain Mire."

Die „3. Episode-' des Vilain Mire tritt, wie S. 41 u. 43 er- wähnt, im XIII. Jhdt. zweimal selbständig auf; im Pfaffen Amis^^^) und bei J. de Vitry.'"^) Dort erschien sie in einer Form, die ich als Nachahmung des Fableaus bezeichnet habe; hier ist sie ganz eigen-

*^*) Ersählungen u. Schwanke des Mittelalters, hsg. v. H. L am bei, Leipz. 1872. S. 46—50. Vers 805—932.

•25) Ex of J. de Vitrg, cd. Crane. No. CGLIV.

Untersuchungen zu Molieres Medecin malgre lui. 67

tünilicli uing-estaltet und unzweifelhaft seknnrlär. Kann man viel- leicht doch annehmen, dass die 3. Episode ihrem Ursprung nach eine schon im Orient vorhandene? Zudichtung zum ,,Arzt aus Zwang-" (=1+2) gewesen ist? - Natürlich konnte sie sich jeder- zeit leicht von den beiden anderen Episoden ablösen, ein Vorgang, der sich auch am Italien. Grillo vollzogen hat. Ohne Zweifel hat sich Poggio's ''-") Anekdote: , Facduni cujusdam PetrilW von einer Grillo- form losgelöst.

Die Vitry'sche Form der 3. Episode ging über in die Mensa PhüosopJiica,^'") und von da, einfach übersetzt, in die „Certayne Conceyls and Jests.^^ ^~'*)

Der Ulenspiegel,^'^) der sie als XVII. Historie enthält, hat sie nach des Verf. eigener Angabe aus dem Pfaifen Amis geschöpft, ist aber m. E. auch von Poggio beeinflusst.

Poggio wurde kopiert von Bouchet, '^") dieser wiederum von den Anekdotensammlungen: „La G-ibeciere de Ifome"'^') und „Le Courier Facetieux'-' ^^'')

Ich habe die genannten Formen in den „Stammbaum der Gruppe Arzt aus Zwang" (Anl. IV) mit aufgenommen, bin aber in den „Untersuchungen . . . ." absichtlich nur da ausführlicher auf die eine oder andere von ihnen eingegangen, wo dies vielleicht zur Klärung der Quellengeschichte des Medecin malgre lui beitragen konnte. Die genannten selbständig lebenden Formen der ^3. Episode' sind natürlich ohne alle Beziehung zum M. m. lui] ich habe sie aber hier zusammengestellt wegen ihres angeblichen Zusammenhanges mit dem Fableau du Vilain Mire.'^^^)

***) Les Faceties de Pogge, trad. en fr. avec le texte latin. Ed. compl., Paris, Liseux, 1878. Tome II. p. 110/111. Vgl. oben S. 48.

'") Abgedruckt bei Crane, Ex. of J. d. F., p. 2-41.

128^ Vgl. Crane 1. c. p. 242: merely a translation of Scotus. Shakespeare Jest-Books, ed. by W. C. Hazlitt, London 1864. Vol. III. No. 29.

'^®j Dr. Thomas Murner' s Ulenspiegel Hsg. yon J.M. Lappenberg. Lpz. 1854. S. 22. 23. 238.

1^") Les Serees de G. Bouchet. ^d. dem. Vgl. S. 50.

'^') La Gibeciere de Mome ou le thresor du ridicide. Paris, Pierre David. 1644. petit in —8". p. 456. Subtile ruse d\m Cardinal [Hzgl. Bibliothek zu Wolfenbüttel].

'*^) Le Courier Facetieux ou recueil des meilleures rencontres de ce temps. Lyon, Lariviere, 1650. in —8". p. 129: Stibtile ruse d'uu Cardinal). (Kgl. Bibl. zu Berlin].

'3^) Vgl. z. B. Le Grand d'Aussy, Fabl' 1779,1,410.

5*

68

August Kugel.

II.

Vergleichende Übersicht über die Komödien 1.2.3.4.6.7. der Gruppe: ,. Diener als Arzt."

l.StufeiElAcero de Madrid : 3 Liebespaare.

Hindernde Verwandte. Nebenbuhler

(verwandt). ..Arzt" begleitet. Sofortige Entlarvung des

„Arztes." Verfolgung der Liebenden.

2. Stufe; II Medico Volante 2 Liebespaare. (Bartoli); Trufaldino M. V.: Hindernde Verwandte.

Nebenbuhler

(nicht verwandt). j.Arzt" begleitet. „Fenstersprung." Rückkehr der Liebenden.

3. Stufe; Arlecchino Medico 1 Liebespaar.

Volante: Helferin.

Nebenbuhler (nicht verw.). „Arzt" allein.

Briefl. Verstän- digung. Drei- akter.

4. Stufe: BoursmiU, Moliere M. V.:

1 Liebespaar.

Helferin.

Nebenbuhler nur b. Moliere

„Arzt" allein.

„Fenstersprung".

Rückkehr der Liebenden.

Mündl.

Verstän- digung.

Einakter.

Untersnchaiujen zu Moliercs Medeclu nialgre lui

m

III.

Vergleichendes Verzeichnis der Personen in den Komödien

10.1.2.3.4.5.6.7.9.11. der Gruppe: „Diener als Arzt."

3 A. I 3 A. I 3 A. I 8 A. i

M 0 1 i e r e. |L o p o d e V e g a.| ff jfj^j-^.^ Vo!anfe-\ Trufaldino Medlco

(Bartoli.) Volante.

Le Medecin malgrel lui.

El Acero de Madrid.

■A A. Arlecchino Medico Volante

Gerollte, pere de Lucinde.

Ijucinde , iille de G6roiite.

L (^ a n d r e , amant de Lucinde.

Sganarelle mari deMartine.

Martine, femme de Sg.

M. Eobert, voi- sin de .Sg.

V a 1 e r e , doines- tiquedeGeronte.

Luc as, mari de Jacqueline.

Jacqueline, nourrice chez G6ronte et fem rae de Lucas .

Thibaud^ pere de \ Pay-

P r u d e 11 c i 0 ,

viejd. Beiisa, sn hija.

Lisar do,amantR de Beiisa.

Dbaldo, padre Magnifico, Pantalon, di Lucinda. padre Ipered'Eularia.

Luciuda, sua , Isabella, tiglia,!Eulari a,mai- iiglia, amante ' amante di Ar- 'tressed'Octave di Valerio. : delio.

V a 1 e r i 0 , aman-' A r d e 1 i o . aman- te di Lucinda. I te di Isabella.

ßeltraii,criado| Cola, de Lisardo.

suo servo.iTrufaldino,ser TO,tinto medico.

S a 1 u c i 0 , criado de Octavio.

Zanni, servo del Oapitan.

Perrin P e r r i 11

sans.

Teodora, de Beiisa.

tia

Ardelia, nipote di Lucinda (lies : UbaldoV

Leonor,esclava

R i s e 1 0 , amigo 0 1 1 a v i o , aman- F 1 o r i n d o

de Lisardo. i te di Leonora, amante di Cintia M a r c e 1 a , dama. L e o n o r a , figliaiC i n t i a , tiglia del di Pandolfo. Dottore, amante

di Florin do.

Octa ve, amant d'Eu- laria.

Harleqiiin, valet d'Octave

F 1 a u t i n 0, servo T r i v e li n, va

di Ooviello.

let duCapitan. Diaman- tine, suivante d'Eularia

R o s e 1 1 a , zia, innaniorata di Florindo

F 1 o r e n c i o , ri- Tale de Riselo. I

Gerardo, SU j amigo. j

Octavio, so- ! brino de Pru- dencio y rivale de Lisardo.

Caballeros, Mu- sicos y Criados.

Pandolfo, pa- dre di Leonora.

Capitano.

Dottore. padre

Capitan Covi ello.

Cintio, auii d'Octave.

L e G a p i l u u .

Le Docteui

70

August Kugel.

III.

Vergleichendes Verzeichnis der Personen in den Komödien 10.1.2.3.4.5.6.7.9.11. der Gruppe „Diener als Arzt."

La Zerla. Atto III.

1 A. 1 1 A.

B 0 u r s a u 1 1. \ M o li e r e. LeMedecin Volant.lLe Medecin Volant.

Moliere. L'Amour Medecin,

Moliere. Le Malade Imaginairc.

Pantalon.

E 11 1 a r i a , sa ülle

0 c t a V e , amant d'EuIaria.

A r 1 e q u i 11.

Trivelin (Ami d'Arlequin I)

F ernand, pere de Lucrece.

Lucrece, mai- tresse de C16on.

C16on, amant de Lucrece.

C r i s p i n ,vaiet de CI6on,m6d. Volant.

Philipin, valet de Fernand.

Lise, servante de Lucrece.

Gorgibua,pere Sgauarelle, Argan, mala- de Lucile. pere de Lucinde.de imaginaire.

Lucile , fiUe de Lucmde, Alle JAngölique, Gorgibus. de Sg. fille d'Argan.

Valere, amant de Lucile.

Sganar eile, valet de Valere

Gros-Ren6, va- let de Gorgibus. Sabine, cousiue de Lucile.

Clitandre, amant de Luc.

Ch ampagne, valet de Sg.

Lisette, sui- vante de Luc.

C16ante , amant d'An- g61ique.

Toinette, servante.

Lucrece, niece ß61ine, se- de Sg. conde t'emme

d'Argan.

(T oinette).

Cantßas, liabüi- Un Avocat. mödecin.

I Aminte, voisine

I de Sg.

: M. G u i 1 1 a u m e ,

1 marchand de ta

[ pisserie.

jM.Josse,orfevro.

iLes Docteurs: Thomes.Desfonan 1 dres, Jlaeroton, ! Bahis, Filerin.

N 0 1 a i r e.

Thomas D i a f 0 1 !■ u « .

B 6 r a I d e , frere d'Argan. Louison, pe- tite ftlle d'Ar-

Les D oc- tenrs:Diafoi-

rus, Pargo u. M. Fleurant,

Apotli6eaire. .U. Bonnefoi, nntaire.

Untersuch (liif/en zu MoUere's Medecin maJgrc hii. 71

IV.

wStammbanni der Gruppe: Arzt aus Z^vanfl^

(jlukasaptati

1 + 2-..

X lit. Märchen.

(1 + -A mit Rachomotivi 2

Le Vilain Mire 1 + 2 + 3

MeusaPhilosopliica

(1 + 2) 3

Pfaff Amis (Vilaiii Mu'e+Dr. Allwissend) 3 1+2 + 3

Compii. Sing. Nicole Bozon 1+2+3 1 +2

Gert. Conceyts 3.

(1521) 1+2+3

Grillo 1738 1+2 + 3

Grillo II (1885) 1 + 2 + 3 Beuchet 3 2

Le Doeteur

Gib. de Mome Cour. Faeet.

3 3.

Notes sur la flexion walloiiiie.

J'ai rintentiou, daus les pages suivantes, de completer, au poiut de vue special du wallon, l'analyse critique que M. Behrens a faite ici ineme, dans la livraison d'aoüt 1895 (XVII, 4), des 400 premieres pages, du 2^ tome de l'ouvrage de M. Meyer-Lübke. Nou que M. Behrens se soit interdit les additions que fournissait l'etude de ce dlalecte; mais son compte rendu avait uu caractere trop general pour qu'il put s'etendre longuement sur les particularites d'uu seul parier, omises ou mal interpretees par M. M.-L. De plus, j'aurai moins souvent recours aux publications anterieures, sources uniques des notes de M. B., qu'ä des recherches propres ou f altes en collaboration, et dont les resultats n'ont pas encore ete niis au jour.

§ 78 il pour el (eile) n'est pas plus rare en wallon qu'en lorrain ou en blesols; on l'a dans la region vervietoise (Mel. wallons, p. 58. s. V. eile sans determlnation plus precise), en Hesbaye, par ex. a Fexhe-Slins oii U = eile et el = elles; ä Liege raeme, dans les Aüves di Tongue (1700) etc.; dans les gloses de Darmstadt 39 vo, etc.; la suppression du pronom ä la 3*^ pers. sg. et plur. n'est pas etrangere au wallon, non plus que djü {dje) = no(s). C'est k partir de St. Hubert (Luxembourg) que s'observe ce dernier pheno- mene, general dans les arrondissements d'Arlon et de Virton; il est curieux de noter que, dans certaiues communes, la forme differe vocaliquement au. sg. et au plur. A Anlier, j'ai note au sg. et dJe au plur. La tendance en question semble avoir plutot gagne que perdu du terrain; ä Liege meme, la forme interrogative de "^notts avons^ est en patois avän qui ne peut guere s'iuterpreter que comme etaut avnn{s)-dj(i) pour avan(s)-n(os), et non dnr comme on lit p. 369 (408 de la trad.).

§ 83 Uzi se dit daus le Nord-wallon aussi-bien qu'ä St. Hubert; h Liege elzi el lesi par (exemple dans le Clioix de B. et D., p. 186: "qu'ill lest siev' di tais-ti-beche"); au cas regime le pronom atone, precedant le verbe, est ä la 3*^ pers. el ou li. Dans Li male neur d'ä Golas, p. 76, on lit El fät-ü-rispämer? L'auteur aurait pu dire lA fät-il ou plutot Li fät-i "I^e faut-il rincer'?-'

Notes sur la ßexion ivaUonne. 73

Levef = levez vous 84) est en wallon aussi general qu'en lorrain; on dit de ineme Uvän = levons nous, qui n'est pas seulement inter- rogatif.

§ 90. M. Behrens a dejä attire, l'attention sur iin passag'e peu clair M. M. essaie d'etablir iine demarcation eutre m(e) et m(e]n = mon atone. En reälite m(e)n se dit jusqu'au ca'ur d'une region qai englobe Namur. En ce qui concerne l'analogie in- contestable de traitement qiie Ton constate pour mem et rem, il est bon de noter qiie rle est exceptionnel dans le Nord-Est; n~, ren sont les fonnes ordinaires, dans la region liegeoise et vervietoise; 11 semble que la premiere, nasalisee ou denasalis6e (re) domiue surtout dans le Nord, tandisque la seconde est plus repandue au 8. 0.; on Fa dejä ä Hognoul et a Momalle, c'est-ä-dire sur une ligne qui correspond ä peu pres au trace du cliemin de fer de Liege a Waremrae. Plus au S. (). quelques villages ont une sorte de rösonnance, qu'un de mes eleves a notee ainsi : l)ey{hene) ; les riverains de la Meuse (Ampsin, Jehay, etc.) ont c, qui se retrouve de ci de \k dans le Luxembourg. Une formation interessante c'est aux et 3^ pers. toh et sok = (le) tien, (le) sien auxquels correspond en Nord-wallon U mek (Grand Lanaye, Roclenge, Boir, Glons, Houtain 8t. Siineon, Wihogne), oii M. Delaite {Granuiiaire, etc., IT, p. 73) avait bien tort de reconnaitre l'influence du flamand.

§ 96 cel tonique a subsiste jusqu'au siecle dernier dans le dialecte litteraire. On lit dans le Choix de B. et D. p. 164: "Ho! c'est bin fait di s'marier-Ces qu'el polet esse" Maintenant on dit U ci, plur. le ci; que ceZ = ece'illi est d'autant plus vraisemblable que Ton a conserve el = Uli dans ta-el s est adventice.

§ 107. De meme que pour les:i, il faut observer ici que ken et ten sont des formations trös generales en wallon; h la limite septentrionale de ce dialecte j'ai releve ken ä Emael; a Eben on a kan masc. et Mn fem. ; ken se retrouve ä Hannt, ä Jehay-Bodegnee, etc. Mais ce qui est plus surprenant, c'est la forme kek, peut- etre refaite sur mek et qui existe, comme eile, a Grand-Lanaye. Ten est .sporadique dans les provinces de Namur et de Luxembourg.

§ 128. M. M. Signale un seul ex. de modification de l'inii- nitif sous l'influence du participe passe. Les rapports de ces deux modes dans les patois eussent merite une etude particuliöre. En wallon il y a une tendance de plus en plus marquee ü refaire l'infinitif sur le participe; aux formes voloer, x^oloer, cVvcer etc. se substituent, dans bien des communes, volu, 'polu, cVvu (ou volä ou voloe). Dans le seul canton de Fexhe-Slins j'ai note l'identite des formes ä Fexhe-Slins, ä Houtain St. Simeon (-ö), ä Tilice, ä Enixhe et ä Heure le Romain (-«). Ce qui est plus digue de remarque,

74 M. Wümottc.

c'est le traitemeut particiüier qui a ecliu ä hahere-uiu et ä saperc- utu (voyez le § 243).

Infinitif: avio et savu; mais polcer, volwr, (Vtwr, etc. A,

Voroux, Liers, Milmort, Viveguis, Hermalle-sous-Argenteau,

Nivelles et Grrand-Lanaye , c'est-ä-dire sur une ligne qui

serait-tracee au Nord-Ouest de Liege, flecliirait legere-

ment dans la direction de la vallee et suivrait le fleuve

jusqu'a la frontiere hollandaise.

Infinitif et participe passe. Oj/ü et sg?/ü, mais polu,

volu, d^vu etc., a Rocour, Villers St, Siraeon, Juprelle,

Paifve (oyä seulement), Wihogne. A Oupeye, la meme

distinction se constate; toutefois , on dit ö-u, sg-u, mais

volar, poloer, d'vcer k linfinitif; il en est de meme ä Basse-

Herraalle; ä Alleur et ä, Lautin les deux infinitif s ont ü;

les participes sont respectivement avü, savü et volu, polu,

d^vu, etc. A Othee infinitifs avü, soyü; polce, d'voe, etc.

participes oi/ee, soyce; polü, d^vü, etc.

§ 136 9. Toutes les personues de l'indicatif present feraient

utilement l'objet d'un examen nouveau; je nie contenterai de

grouper quelques observations de detail : La l'^re pers. du sg. possede,

une forme faible, en.-c^, signalee par M. Delaite, Essai, etc. I, p. 39. et

etudiee § 204, par M. M. qui transcrit a tort sposay, etc. au lieu

de sposey cy est plutut bref que long. II n'eüt pas et6 superflu

d'ajonter que des verbes u'appartenant pas ä, la 1^^'*^ conjugaison

connaissent l'infixe ey et que le son qui est dans celle-ci ne peut

etre identifie avec celui de marey = marie (1 sg.). A la 2'- plur.

-oiz ne peut representer e, comme il est dit p. 197 (177); e donne

<r, dans le Nord wallon, ü plus au Midi et non o(i)\ il faut donc

cherclier ailleurs l'origine de cette formation eu-o(z) qui n' a pas

encore ete delimitee depuis la frontiere flamande jusqu'ii la frontiere

allemande, mais qui, en tout cas, est dejä, generale au Nord de Namur

Hannut, ä Burdinne, etc.; Jeliay Bodegnee a ce, Fumal a un

son iutermediaire; la limite s'encline ensuite dans la direction de

l'Est; on a -e, non -o ä Laroche et dans les villages voisins; en

revanclie Hampteau, Les Tailles et Gouvy ont -o.). A la 3*^ plur.

il y avait lieu de signaler le phenomene propre au sud de la Bel-

gique, mais moins repandu qu'on le croit generalement et que j'ai

etudie Rohiania XIX, 89 et Gloses de Darmstadt -^ je veux parier

du double recul de l'accent qui aboutit ä des^ formes telles que

tchätnu, cmnic, alors que le Nd a tcJiätc, eine = cantant, amant.

§ 147. Je ne saisis pas la restriction formulee dans la regle relative aux subj. pres. en -sse wallons. Cette terminaison n'aurait persiste que "dans les verbes de III [ere, erc), en taut qu'ils ne se terminent pas en voj-elle + ?e, -de.^ Mais parmi les ex. cites

Notes sur la ßexion ivallonne. Ib

il y a deja prendam^ il pourruit y avoir aussi credani, videam^ poteam, etc.; sentire a donne scs ä, cöte de set et ce u'est pas le seul verbe eu-ire, qui counaisse ce traitement. L'explication donnee de celui-ci ne me parait pas iion plus convaincante. Pour. quoi res, ddes ä cote de rede, doeve? Et comment l'analogie de cette -s aurait-elle opere au pluriel? Si j'anticipe sur les obser- vations auxquelles donne lieu la conjugaison du verbe etre, je constate que le subj. present de celui-ci possede la desinence en -s aux 3 pers. plur. et non au sing. Ou dit, sauf variantes dont il sera question plus loin: sP.yäs ou seyäy, seycs ou seijty., seyes ou seyey, mais dji (ii, i) scey. Ce sont des forraes evidemment imitees de l'imparfait du subjouctif, qai a fourni l'unique moyeu de les differencier de Celles de l'indicatif present; c'est aise i\ veri- fier \k on dit estos ou estoy, au subjonctif et esto ä l'indicatif (c'est le cas ä Liers, ä Paifve, ä Juprelle; plus au S. 0., ä Pellaines et dans la region braban^onne); dans le sud du Luxem- bourg, c\ Etalle, on dit respectivement ä la 1 sg. et la 1 plur. du present et de l'iraparfait du subjonctif: hi dj 'sw; M dfates] dj aiis, M dj 'ates; Temprunt est donc flagrant (voyez lä-dessus Meyer, § 307). Si Ton ajoute a cet arguraent celui que fournit Tanalogie de certains verbes de la 2^ conjugaison {sentiam a donne reguliere- raent que je scnch(e) en anc. picard, M dji sey ou ses en wallon) toute difficulte disparait. Loin donc de donner k la 3^ conjugaison un röle preponderant dans l'explication du plienomene, il convient de reconnaitre que c'est en tout dernier lieu que Tanalogie a du operer sur eile. A la fin du § 147 M. M. rapproche les formes vvallonnes vuelge, tienge des autres ex. „du subjonctif en-r/a" qui lui fournissent les textes de l'Ouest. Je ne sais ce que ces ex. ont de probant, mais ce que je crois certain, c'est que lg, ng vvallons ne representent que le mouillement de la liquide et de la nasale; g est dans ce dialecte le sigue de la palatale; de les formes volg = volh, creguz = creyuz, dans les Bial. Greg., de gh=^g(e,i) dans les chartes du pays {Bomania, XVII, 562); de peut-etre aussi ces graphies si embarrassantes du plus ancien document wallon, c'est-ä-dire de la cantilene d'Eulalie: regiel et pagiens, que je lis reiiel et paüens, avec ce mouillement tres prononce que le wallon a garde jusqu'aujourd'liui.

§ 172—3. II est interessant de constater que le wallon a montre une rare iidelite ä Tetymologie dans la conjugaison des verbes ä radical termine par une dentale ou une labiale. Daus co(n)suere, le groupe s-r n' a pas plus recu la consonne^ d'appui qu'en lorrain, d'oü les formes du present dji häs, no(s) kosä, Tin- linitif Ms, etc.; en revanche pas de formation analogique avec s dans sc der e iii videre. Dormir a 1 sg. present dji dtver ou

76

31. WilmoUc.

clß dtvem. Dans m(s)Jce, le Ic a pris pied dans toute la conjn- gaison,

§ 206 et sg. Les additions de M. Behrens n'ont pas epuise la question des forraes divergentes du verbe etre. II est peu de villages qui n'offrent ä cet egard une creation analogique propre, sous l'influence des lois phonetiques qui regissent son vocalisme ou son consonnantisme. Voici un tableau du subj. present que j'ai dresse pour le N. 0. de la province de Liege; on y relevera quel- ques omissions que je n'ai pas le temps de reparer en ce moment:

1 3 sg. 1 plur. 2 plur. 3 plui-. Liers soey

Juprelle id.

Otliee ~ id.

Paifve Id.

Wiliogne id.

Lantin id.

HoutainSt.Simeon etXhendreraael id. Voroux id.

Tilice id.

Vevegnis id.

Heure-le-romain id.

Lixhe, Loen id.

Haccourt id.

Oupeye, Hermee id.

Basse-Hermalle id.

Hognoul, Hermalle sous Argenteau id. Glons, Boir id.

Roclenge, Bassenge id.

Wonck id.

Le subj. iinparfait prete aux niemes remarques que le parfait d'oü il est regulierement issu. Ce dernier temps, lorsqu'il n'a pas disparu, differe parfois egaleraent de village a village 299); on dit dji fu, no furi{n) k Xhendremael, Loen, Roclenge, Wonck. et, sur la rive droite de la Meuse, ;\ Berneau; dji fu, no fuyi ä Warsage; dji fuya, no fuyi ä Oupeye et ä Vivegnis; dji für i, no furi{n) k Alleur ä Herraalle et a Othee; ä Villers-l'eveque estin a valeur de parfait, estive celle d'imparfait; ä Herstap, sur la fron- tiere des langues, toute difference entre les deux formes a disparu; ailleurs, il n'y a plus de parfait, sinon periphrastiques: c'est le cas

estos '),

cstes,

estes.

esiäs,

estes,

sey^s.

estoy, estoj,

estey, estey,

estes.

cstäy,

estey,

estgy.

seyäs,

seyes.

seyes.

s?yäy,

sm/.,

sMx-

stedy,

soycly,

sneijäos, seyäs,

sreyes,

id.,

seyey,

sivy^s. seyes.

sceyäs,

soeyey,

smjey.

soeyäs,

soeyls.

S(jeyp.

seyäy,

smfis.

sceyey.

spßy,

scyiy,

^my.-

»luoy.

seyey.

KVV/.-

sop.yäy, sogyöy,

soeyey, id. ' '

soeyey. id. '

*) ('es formes en us {os) uu ä^y (u^) se retrouvent en pays narau- rois, le subj. präsent est ki no sgyäs et le subj. imparfait fusäS; ä la 2 plur. la finale -o(s) de Tindicatif a penetre jusqu'ici, et on dit soygs au present. de meme que o't/os (ayez).

Notes nur Ja Jicxion ivnllonne. 11

ä Wihügue, ä Houtaiu S. Simeun, ä Basse-Hermalle, ä Haceoiirt,

k Lixhe, ä Boir et jusqu'a Bombaye, tandisque Waisage est plus

avantag-e sous ce rapport. En somnie il n'y a guere, dans la regiou

septeutrionale, que le present et l'imparfait de l'indicatif, et les

temps coraposes avec avolr, qiü offrent une certaine uniformite.

Au Sud, il eu va differemment. Je ne puis, dans l'etat actuel de

nies recherches, dresser un tableau complet; je signalerai seulemeiit

les forines de quelques villages, qui out dejä le traitement lorraiu

au present de l'indicatif:

Habay la vieille \ . , ^ ,^ ^

^jjljgj. j sa', e, e; soi, ate, sa.

Enlles id. so, e, so.

Etalles et St. Marie id. ata, atey, ata. L'imparfait est atu-aien [ate) ou astn{o), etc., suivant les lienx. Ce sont dejä les formes alleguees par M. Meyer (p. 253, 282 de la trad.) et M. Behrens comme etant caracteristiques du lorrain.

§ 219 et sq. Tons les verbes etudies ä la suite de esse, mais particulierenient stare habere meriteraieut d'etre envisagees de faf;ou detaillee. Je nie bornerai ä quelques coiistatatious. Statt 224) que M. Meyer signale dans S. Brandan, a survecu jusqu'au XVII^ en wallon; on le trouve dans un texte de 1631 {Choix, etc. p. 66):

Mi qui stä so coste

Mi qui veut, qui n'ois'mote. cmp. p. 68:

pus qu'i Vsitä sol'von' de cour. Le futur stieret ibid. p. 67. Le subj. estas a dejä ete Signale; il forme le pluriel de soei/ dans plusieurs lieux; il n'est donc pas propre aux textes normands. Quant ä l'iuf. daU 231), si le wallon ne l'emploie pas, il possede une forme dyä qui ne peut guere s'expliquer que comme le representant de (injde -f eamus, avec la valeur interjective de: eh bien, allons. Le pendant du ä Tanalogie est i djont que M. Delaite {Grammaire, etc., p. 181) a retrouve ä Mortroux et qui signifie: ils vont; la 1 plur. jiows est dejä dans un texte de 1634 {Choix, etc. p. 100) Habere offre plus d'une analogie avec esse dans la formation des temps du passe. Les subj. estas et fwjas ont leurs correspondents aväs, öyas, etc. ; sur le parf. dfava on a refait un subj. imparf. aväs, dont les 3 per- sonnes du pluriel ä Vivegnis, par exemple, sont ams; atns; öyls. A Alleur on dit aväy. Ce sont des creations recentes, qui ont supplante presque partout les formes plus anciennes dfoirX ou dfoe, d'oü le subj. euxh (3 sg.) et exhin (1 plur.) dans une piece de 1684 {Choix, p. 109). Une troisierae formation est celle dont M,

78 31. Wilmode,

»Sucliier (Zs. f. B. Ph. II) a fait riiistoire; on la tronve encore dans Tati li perrqui, de raeme qiie d'vmv on vinf = (de)viiit dans le Ghoix, p. 155; la 1 sg. du preseiit, qui est a, est conservee, non seulement dans les regions liegeoise et namuroise, mais jusqu'ä I'extreme Sud; on dit a Etalle et ä S'^^^- Marie a, ^, ^; avän, ave; avän.

§ 251. Dire que l'infinitif polör est wallou, ce n'est pas assez nettement iudiquer la predominance, dans ce dialecte, des formes analogiques de Celles de volerc; on dit au present no polä, vo pole, i pole; l'lmparf. le parf. et le subj. impf, ont de meme polef, pola et jiolas. Ce sont des traits bien modernes, surtout aux temps passes. En 1634 (Choix, etc., p. 104) on disait encore vöf=voluit et vraisemblablement pof = potuit; en 1700 je note le parf. fdf = fallut, qui est plus extraordinaire {Choix, etc., p. 150). M. M. cite ces formes 281) mais sans les dater. Le futur a ete vuelral-as-a, d'oü voiront (= voudront) vers le milieu du XVII® s, [Choix. etc. p. 166); le condit. 1 plur. voirin (id. p. 76) et 3 p. voiriint) (id, pp. 8 et 75); de meme on a, po Irans (id. p. 79), poiret-ont dans les Äiives dl Tongue, c'est k dire pue{l)rait-ans-ont.

§ 299. Sur fis (qu'on a notamment dans les Arnes cU T. ä la 3 sg-. et que fha a supplante) on avait fait un subjonctif ini- parfait ßy^ (ßh dans le meme texte, Choix, etc. p. 148).

§ 307. A propos de ce que dit M. Meyer, dans des termes d'ailleurs peu clairs, de la confusion qui est ä l'origine des temps actuels du subjonctif en wallon, particulierement des subj. present et imparf. en -äs (-a/), il convenait, comme je Tai indique plus haut, de citer les formes du verbe etre qui sont tres significatives. Le sg. estäy usite ä Liege et le pluriel estäy (1), este/ (2), estg/ (3), qu'on a, par exemple, k Wiliogne, sont dans un rapport aussi etroit que possible, et il est plus vraisemblable, que c'est de ce verbe et de ses congeneres en -are, qu'est partie Timpulsion. D'abord on a dit au present: sce)/; soeyäs-es-^s (formes predominantes en Hesbaye) et ä l'imparfait fuy-yi\ plus tard sur un parfait esta on a refait un subj. imparf. estay-yi et sur celui-ci un pluriel du subj. present ^stdy-ey-ey, le singulier resistant davantage, comme on Tobserve en Hesbaye; k Liege et dans certains villages scey; sctyäs-es-es sont encore seuls usites; il eu est de meme ä Namur.

M. WiLMOTTE.

lieber die Bedeutung von Bretagne, Breton in mittelalterliclien Texten.

In mittelalterlichen Texten finden wir die Ausdrücke Bretagne, Breton in Stellen, welche für die Frage nach der direkten Herkunft der französischen Lais und Romane keltischen Ursprungs von Wichtig- keit sind. Von den Vertretern der wälsch-anglonormannischen und denjenigen der armorikanischen Theorie (so will ich sie kurz be- zeichnen) wurden jene Stellen als Argumente geltend gemacht, in- dem sie eben von ganz verschiedener Auffassung jener Worte aus- gingen. Die Theorie vom wälsch-anglonormannischen Ursprung der matiere de Bretagne ist schon sehr alt ; sie ist in der That auf den ersten Blick die natürlichste : die matiere de Bretagne gruppiert sich in den uns erhaltenen Romanen und Lais meistens um Arthur, und Arthur galt allgemein als Beherrscher von Grossbritannien- daraus schloss man früher als selbstverständlich, dass die Sagen über Arthur und seine Ritter von Grossbritannien, und zwar speziell von dem am meisten keltisch gebliebenen Teile, von Wales, ihren Ausgang nahmen. Als man dann noch die wälschen Triaden und die so- genannten Mabinogion entdeckte, fand man darin die volle Bestäti- gung der Theorie. Diese Theorie genügte natürlich vollkommen zu einer Zeit, wo die wissenschaftliche Kritik noch in den Windeln lag. Gaston Paris war der erste, der ihr einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben wusste; bei aller Hochachtung für meinen ehe- maligen Lehrer niuss ich das Wort „Anstrich* gebrauchen. G. Paris selbst, auf dessen Autorität sich alle Anhänger der Theorie stützen und ohne die sie wohl bei niemandem mehr Glauben finden würde, seit Zimmer eine so starke Bresche in sie geschossen, hat sich eigent- lich über diese, mit seinem Namen eng verknüpfte, Theorie merk- würdig wenig ausgesprochen. Vielleicht hat er die besten Argu- mente noch in Reserve behalten. Jedenfalls kann ich mit dem besten Willen nicht zu der Ueberzeugung kommen, dass diejenigen Argu- mente, welche wir in seinen Schriften zerstreut finden, irgendwie als eine Stütze seiner Theorie gelten können; und es scheint andern Verehrern des grossen Gelehrten ebenso ergangen zu sein. Ich gehe

80 E. Brugger.

zwar mit Zimmer auch nicht durch Dick und Dünn; aber man mag- in seinen Ausführungen an Einzelheiten auszusetzen haben, so viel man will: die Grundzüge seiner Theorie bleiben als gesichert be- stehen. Zimmer hat Beweise gegeben, die jeder vorurteilsfreie Leser als solche anerkennen muss, dafür, dass die französischen Arthurromane und Lais zum Teil und zwar zum grossen Teil aus der Bretagne stammen. Wenn er i^lauben sollte, auch bewiesen zu haben, dass gar nichts aus wälschen Quellen stamme, so ginge er zu weit. Ich neige mich zwar auch dieser letztern Ansicht zu, in Anbetracht dessen, dass bis jetzt noch von keinem einzigen Lai oder Romane direkt wälscher Ursprung (ich betone direkt) nachgewiesen wor- den ist, von englisch-anglonurmannischer Durchgangsstufe gar nicht zu reden. Doch erst wollen wir das Ergebnis weiterer Unter- suchungen abwarten, ehe wir uns definitiv und exklusiv entscheiden. Versuche, einen Nachweis für wälschen Ursprung zu erbringen, gibt es zwar genug; aber kein einziger kommt auch nur einem VVahr- scheinlichkeitsbeweis gleich. So wie die Dinge jetzt stehen, hat die armorikanische Theorie vor der wälsch-anglonormannischen den be- deutenden Vorsprung, dass sie bereits auf Sicheres, sogar von den Uegnern nicht mehr Bestrittenes, fussen kann, während die letztere einstweilen nur höchst Problematisches aufzuweisen hat. G. Paris hat es bis jetzt noch ganz unterlassen , die zahlreichen von den Gegnern ins Feld geführten Argumente zu widerlegen; er hat sich damit begnügt, das Versprechen zu geben, dies einmal zu thun. Aber ein anderer Gelehrter, Lot, unternahm es neulich {Ron/ania, XXIV u. XXV), die angegriffene Theorie zu verteidigen, und wenn es auf's Lärmschlagen ankäme, würde er wohl viel mehr ausrichten als G. Paris selbst. Auch Loth (in einem Aufsatz in der Revue Cel- tique) machte die Paris'sche Theorie zum Teil zur seinen, und Baist (in der Zeitschrift für romanische Fhilologie) begann eine Serie von Aufsätzen, die, wie der Verfasser ankündet, die Hypothese von G. Paris bestätigen sollen. Diese scheint also eine Art Nachblüte zu erlebeii. Hoifen wir, dass sie von kurzer Dauer sei, und man bald wieder vom Phantasieren auf das Gebiet der nackten That- sachen zurückkehre! Ich wähle hier nur einen kleinen Abschnitt zur Betrachtung aus, auf dessen Wichtigkeit für die Gesamtfrage ich bereits hingewiesen habe, nämlich die Anwendung der Ausdrücke Bretagne, Breton in mittelalterlichen Texten, ein Thema, mit dem sich sowohl G. Paris, als auch Lot und Loth beschäftigt haben. Ich werde hier zu zeigen versuchen, wie sehr die Argumentation der Anhänger der wälsch-anglonormannischen Theorie sich vom Na- türlichen und Logischen abwendet und in's Geschraiibte verfällt. Dass sie auf andern Gebieten ihrer Beweisführung die Thatsachen nicht minder missachten und in nicht minder gewaltthätiger Weise

lieber die Bedeutung von Bretagne, Breton. 81

zu Gunsten ihrer Theoi-ie umzudeuten und zu entstellen versuchen, dies zu beweisen, hoffe ich, später einmal Gelegenheit zu finden; einstweilen beschränke ich mich auf den einen Punkt.

Es sind nicht so sehr die Romane als die Lais, weicht^ in der „Bretagne"' entstanden gedacht, den ^Bretons"' als Verfassern zu- geschrieben wurden. Es besteht nun bekanntlich die Hypothese, dass Lais und Romane nichts mit einander zu thun haben und darum verschiedenen Ursprungs sein möchten. Für diejenigen, welche dieser Ansicht huldigen, wird die Frage natürlich eine zwiefache, und das hier zu behandelnde Thema hat für sie nur Belang, so lange es sich um den Ursprung der Lais handelt, während es bei der Frage nach dem Ursprung der viel wichtigeren Romane niu- von untergeordneter Bedeutung sein mag. Doch ist die erwähnte Hypothese ganz unbegründet, wie ich an anderm Orte nachweisen werde. G. Paris und die Anhänger seiner Theorie halten dafür, dass die Romane aus den Lais hervorgegangen sind; und da ich mich hier nur gegen sie zu wenden habe, ist die Frage für mich auch nicht zwiefach.

Der Streit zwischen den Anhängern der wälschen und den- jenigen der armorikanischen Theorie spitzt sich auf die Frage zu, ob in mittelalterlichen Texten „Bretagne'^ auch in der Bedeutung „iFaZts", „Breton'' auch in der Bedeutung „Wälscher, wälsch" an- gewendet werden konnte und angewendet wurde. Die erstem be- jahen die Frage, die letztern verneinen sie.

Sehen wir zunächst vollständig ab von den wirklichen Ver- hältnissen, wie wir sie in den Texten vorlinden! Nehmen wir an, diese Texte existierten gar nicht, oder jene Ausdrücke wären darin gar nicht zu belegen! Wie würden wir uns dann die Verhältnisse vorzustellen haben vermittelst blosser Anwendung des gesunden Menschenverstands und logischen Scliliessens? Britannia hiess bei den Römern im engern Sinne das Land, welches von den Britoues bewohnt wurde. Das Land der Britones reichte wie die römische Provinz Britannia bis zu den Firths of Forth und of Clyde; aber da das Land der Pikten, das heutige schottische Hochland, nur ein kleines Gebiet war, so wurde Britannia im weitern Sinne auch für das heutige Great Britain angewendet, während der Begriff Bri- tones sich natürlich nicht wohl in entsprechender Weise erweitern konnte. Der Plural „Britanniae"- findet sich in der Bedeutung des heutigen United Kingdom, war aber wohl niemals populär. Am Ende der germanischen Eroberung hatte die Provinz ,,Britannia" längst aufgehört zu existieren; die Britones behaupteten sich nur noch an den westlichen Küstenstrichen; ein Teil hatte sich übers Meer nach Armorica geflüchtet. Die zurückgebliebenen Britones ver- loren jegliche Bedeutung ausser für ihre germanischen Nachbarn

Ztsclir. f. frz. Spr. u. Litt. XX'. 6

82 E Brugger.

und andere inselkeltische Stämme. Wie immer aber auch insel- keltische Stämme sich selbst oder einander nennen mochten, kann uns gleichgültig sein: sie waren selbst zu bedeutungslos.^) Es waren natürlich die germanischen Eroberer, die spätem Engländer, dazu bestimmt, den zurückgebliebenen Britones den definitiven Namen zu geben, der allgemein acceptiert wurde ; andererseits blieb es den Galliern, den spätem Franzosen, vorbehalten, den ausgewanderten Britones den definitiven Namen zu geben. Die germanischen Er- oberer gaben ihren westlichen Nachbarn den Namen, den die Ger- manen allen Nichtgermanen, wenigstens allen Kelten, zu geben pflegten, Walhös, AE Wealas; die Gallier dagegen, deren Sprache kein derartiges Wort enthielt (barhari war nicht populär), bezeich- neten ihre westlichen Nachbarn mit demjenigen Namen, den diese sich selbst gaben, und den sie, die Gallier, ihnen gegeben hatten, als sie noch in ihrer alten Heimat Britannia gewohnt hatten. Mit dem Stammnamen Britones lebte auch der geographische Name Bri- tannia in Gallien wieder auf,^) und verdrängte nach und nach den alten Namen Armorica.^) Von den Engländern überkamen die Fran- zosen den Namen Wealas, welcher zu Guales wurde (im Germani- schen wurden bekanntlich Völkernamen zu Ländernamen), und das Adjektiv walhisc{us), welches Gualeis wurde; von den Franzosen überkamen wohl umgekehrt die Engländer die Namen Bretagne Bretons für Armorica Armoricani. In beiden Fällen waren wohl die Anglonormannen die Vermittler; denn erst seit der normannischen Eroberung Englands kümmerten sich die Franzosen um die Kelten Grossbritanniens, die Engländer um die Bewohner von Armorica. Um zu diesen Resultaten zu gelangen, brauchen wir die mittelalter- lichen Texte gar nicht; wir brauchen nur den gesunden Menschen-

^) Die letzten Reste der Britten nannten sich übrigens nicht melir Britones, sondern Kymri = hommes du nihne pays, compatriotes, von Kym = avec und hro = pays, eine Etj'mologie, die durch Zeugnisse ge- ;-ichert ist. Der Narae Kymri existiert erst seit dem Ende der germanischen Eroberung Britanniens. Er entstand so spät, dass die brittischen Stämme, welche vom 5. bis 7. Jahrhundert nach Armorica auswanderten, ihn noch nicht kennen und mitbringen konnten (cf. De Courson, Cartulaire de Reden p. V— VI).

2) Par nos Bretons sera Bretaigne {Brut 6073).

^) Des cel tens, par cele acquoison Perdi Armoriche son non, Si ot a non Bretagne et a; Ja mais, jo croi, ne le perdra. (Brut 6080 ffj. Galfrid setzt bekanntlich dieses Ereignis schon ins 4. .Jahrhundert; aber die Geschichte von Conan Meriadoc ist als Fabel erwiesen. Britannia existiert .statt Armorica seit dem 6. Jahrhundert (cf. Courson Cartulaire de Rennes p. XIV). Früher hiess nur der von den Britten kolonisierte Teil von Armorica Britannia, während der andere Teil noch Armorica oder Romania hiess (nämlich die Grafschaft Rennes und ein Teil der Grafschaft Nantes); die Bewohner jener Gegenden heissen heute noch Bretons Gallots (cf. de Courson op. c. p. CCCXLIV VIU).

lieber die Bedeutung von Bretagne, Breton. 83

verstand walten zu lassen. Das Gesagte betriftt Dinge, die jedes Schulkind weiss; aber von Vertretern der wälsch-anglonormannischen Theorie wurden sie in gröbster Weise entstellt oder ignoriert. Denn aus den eben klargelegten Verhältnissen folgte, dass nur folgende 2 populär entwickelte Bedeutungen der Worte Bretagne, Bre- ton zur Zeit der Abfassung der Arthurromane und Lais möglich war:

I. Bretagne bezeichnet das heutige Grossbritannien (mit Einschluss oder Ausschluss des schottischen Hochlandes) vor, z. Th. noch während der germanischen Eroberung; also z. B. das Reich König Arthurs in der Sage. Bretons bezeichnet dem entsprechend die Bevölkerung des eben genannten und abgegrenz- ten Landes, nur im engern Sinne (d. h. die Bewohner des schotti- schen Hochlandes ausgeschlossen), auch nur vor und während der germanischen Eroberung; also z. B. auch König Arthur und seine Kitter in der Sage.*)

II. Bretagne bezeichnet das Gebiet des ehemaligen Armo- rica seit der Einwanderung aus Grossbritannien, und dem entsprechend bezeichnet Bretons die Bewohner dieses Gebietes seit der Einwanderung.®)

Diese beiden Bedeutungen sind aber auch die einzigen, welche sich volkstümlich aus den gegebenen Verhältnissen entwickeln lassen. Wo wäre Raum gelassen für die volkstümliche Entstehung einer Identifikation von Bretagne Breton mit Wales, wälsch ? Hin- gegen ist es möglich, dass, wo es sich um die lange Periode der germanischen Eroberung Britanniens und der gleichzeitigen britischen Eroberung Arraoricas handelte, „Bretons'^ die Britten der Insel so- wohl wie die kontinentalen Britten bezeichnen mochte; aber, wie gesagt, nur für jene Periode! Doch ist dies nicht eine neue Be- deutung; es ist einfach die Addition der Bedeutungen I und II. Bei Bretagne ist eine entsprechende Addition nicht denkbar (i?re- ^ogrne = Grossbritannien + Armorika); Ländernamen lassen sich nicht addieren und verschmelzen wie Völkernaraen.'')

Neben den 2 populär entwickelten Bedeutungen der Ausdrücke Bretagne Bretons waren auch noch 2, und nur 2 archaische Be- deutungen derselben möglich, welche wir im Anschluss an jene unter III und IV rubrizieren wollen. Der eine Archaismus ging von

*) lieber eine Einschränkung der Bedeutung I infolge eines Ana- chronismus vgl. unten p. 84 Anmerkung 8.

') Es mus.s beachtet werden, dass es uns für die Frage nach dem Ursprung der Arthurromane immer nur darauf ankommt, welche Bedeu- tung die Worte im Munde der Franzosen und Engländer haben mochten.

^) Man kann die Gesamtheit der Leute deutscher Zunge oder deut- scher Abstammung ,,Deutsclje" nennen, nicht aber die von ihnen bewohnten Länder kurzweg als „Deutschland" bezeichnen.

6*

84 E. Brugger.

der Continuität des Landes, der andere von der Coutinuität des Volkes aus:

III. Bretagne mochte für die Gelehrten das Gebiet des heutigen Grossbritanniens auch noch nach der germanischen Eroberung bleiben.'') Für sie blieb der Name des Landes als fix bestehen, wie immer auch die Bevölkerung wechseln mochte. Weil aber die Engle (und Sachsen) es waren, die eigentlich an Stelle der Britones getreten waren, und die an Wichtigkeit die übrigen Nationalitäten der Insel weit überflügelten, so mochte wohl auch Bretagne „England" par excellence bedeuten.^) Wir können also auch bei dem archaischen Ausdruck Bretagne einen weitern Begriff (Grossbritannien) und einen engern (England) unterscheiden. Aber ganz unerklärbar wäre eine Einschränkung innerhalb der Grenzen von Wales oder Schottland. Erst sekundär mochte man dann auch die Einwohner von Bretagne im erwähnten weitern und engern Sinn Bretons nennen, in Analogie dazu, dass gewöhnlich Land und Leute verwandte Namen tragen. Aber während der erwähnten archaischen Verwendung von Bretagne wegen der politischen Wichtig- keit des damit bezeichneten Landes und der universellen Verbreitung der lateinischen und der französischen Sprache im Mittelalter grosse Popularität in Aussieht stand, konnte dies offenbar bei der ent- sprechenden Verwendung von Bretons nicht der Fall sein, da gerade die Gelehrten, welche den Archaismus verbreiten und den Laien überliefern sollten, sich dagegen sträuben mussten, die Engleis, welche sie als Besieger der Bretons kannten, selbst Bretons zu heissen.^) Eine

') Vgl. z. B. die jüngere Version des Carle of Carlyle v. 9 10: The He of Brittaine called is Both England und Scotland iwis; Wales is an angle of that He (vgl. ebenso eine Stelle in Nennius, citiert unten p. 106. A. 35).

^) Aelmlich wie z. B. heute „England" häufig das ganze „United Kingdom'- bezeichnet. Die Bevorzugung Englands mochte dann auch auf die Zeit vor der germanischen Eroberung übertragen werden, so dass auch Bretagne in Bedeutung I speziell das spätere Gel)iet von England, im Gegensatz zu Wales (auch eine anachronistische Benennung) und Schott- land bezeichnen konnte. Von hier ausgehend, mochte natürlich auch der Begriff von Bretons in Bedeutung I entsprechend verengert werden. Aber diese Verwendung der Worte beruht eben einzig auf Unkenntnis der Ge- schichte, auf üeberti'agung späterer Verhältnisse auf frühere Zeiten. Wace z. B. lässt beim Einfall der Sachsen die „Bretons" nach Gates und Bretagne Armorique auswandern. V. 14365 stellt er .,Breton et Galois" neben einander: Von Amauris li Orcanois sagt er (v. 12595); ..Ne sai s'il fu Bres ou Walois^'] in allen diesen Fällen sind die kontinentalen Bre- tonen ausgeschlossen. (Vgl. auch die Beispiele aus Gaimar und aus der Folie Tristan unten p. 108 f.j

^) Vgl. z. B. nie et Galeron v. 135 ff: Sacies que. II. Bretagnes sont Et gens diverses i estont. Li Engleis sont en le greignor, Mais li Norinant en sont signor. En la menor sont li Breton. Dies zeigt klar, dass man die Bewohner von Bretagne le greigtwr nicht Bretons nannte, sondern Engleis und Norman; dass also die Anwendung des Völkernamens derjenigen des Ländernamens nicht parallel ging.

lieber die Bedeutung von Jirdcu/ne. Breton. 85

Addition der Bedeutungen II und III von Bretons lässt sich kaum denken, da das Vorkommen der Bedeutunti' III selbst sehr zweifel- haft ist. Eine entsprechende summarische Bedeutung von Bretagne {= II + III) ist aus andern Gründen ausgeschlossen (vgl. p. 83).

IV. Bretons mochte für Gelehrte die Bezeichnung der nach der germanischeu Eroberung in G r o s s b r i t a n n i e n zurückgeblie- benen Ueberreste der alten Britten bleiben, und zwar mochte dieser Name auch im weitern und engern Sinn gebraucht werden, im weitern für die Bewohner von Com wall, Wales und Strathclyde, im engern für die wichtigsten unter ihnen, die Wälschen.'") Nun ist aber zu beachten, dass, während Britannia vermöge der Wichtigkeit des Landes kontinuierlich im Munde der Gelehrten aller Länder und in ihren Büchern fortlebte, die Britones für alle Ge- lehrte (unter den früheren Angelsachsen gab es bekanntlich keine) als ausgestorben gelten und vollständig ignoriert werden mussten. Die lange Zeit seit der germanischen Eroberung bis zu der spätem angelsächsischen Periode, in der die zurückgebliebenen Britones für die gelehrte Welt quasi todt waren, und die sehr geringe Bedeutung, die ihnen noch in der spät-angelsächsischen und anglonormannischen Periode, auf dem Continente wenigstens, beigemessen wurde, geben wohl genügend Anlass zu der Annahme, dass die erwähnte archaische